Ein Gedenkwort für Irmtraud Morgner

Es ist vermutlich nicht nur für mich ein Schock, anlässlich dieses 75. Geburtstages noch einmal zu realisieren, dass Irmtraud Morgner erst 56 Jahre alt war, als sie starb. Die kühnste Dichterin & Denkerin der DDR könnte noch leben. Denn ihren heilbaren Darmkrebs verschleppte sie, weil sie den Schmerz für einen Phantomschmerz hielt – für den Schmerz an ihrem Land. Es folgte eine falsche Behandlung in dem Ostberliner Krankenhaus Buch – Ich habe es selbst erlebt! – und am Ende ihr Entschluss, wenigstens den Moment des Abschieds selbst und bei klarem Verstand zu bestimmen.

Wir waren seit 1975 und bis zu ihrem Tod befreundet. Das war von der ersten Begegnung an klar für uns, für die Autorinnen der "Beatriz de Diaz" und die vom "Kleinen Unterschied", dass wir Schwestern waren. Ich war also 15 Jahre lang eine enge Vertraute. Und es gäbe noch so viel zu sagen…

Doch eines möchte ich gerade jetzt und in Chemnitz in aller Klarheit aussprechen: Ja, Morgner war Sozialistin – und klar, Morgner war Feministin. Dem Ersteren verdankte sie ihre Geburt als Schriftstellerin, dem Zweiteren ihr Weiterleben als Mensch. Am realen Sozialismus allerdings hatte sie schon lange und zunehmend gezweifelt, den Feminismus hingegen dachte sie konsequent weiter; einen illusionslosen Feminismus, dem klar ist, dass er auch und gerade so manche Frau gegen sich hat.

Und dennoch gab es bei Irmtraud Morgner neben der von außen bedingten um sich greifenden Dunkelheit bis ganz zum Schluss immer auch das Strahlende ihres Charmes, ihrer Lebenslust und ihres Humors. Irmtraud Morgner ist der Mensch, mit dem ich am meisten gelacht habe in meinem Leben.

Alice Schwarzer, 22. August 2008

 

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