Alice Schwarzer in BILD - 22.10.2010

Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10

Dass sie das mitmacht. Nein, ich meine nicht die sich über Tage ziehende Vernehmung. Der muss sie sich stellen, denn von ihrer Glaubwürdigkeit hängt ab, ob das Gericht Jörg Kachelmann für schuldig oder unschuldig halten wird. Schließlich bezichtigt sie ihn der brutalen Vergewaltigung mit Todesdrohungen.

Nein, ich meine die Umstände. Seit Montag dieser Woche steht die 37-jährige Radiomoderatorin Rede und Antwort vor dem Mannheimer Landgericht. Sie tut das nun zum achten Mal – nach Aussagen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gutachtern. Sie redet über ihr Leben, ihre Gefühle, die bewusste Nacht.

Dabei wird sie im Verhandlungssaal frontal von einer Videokamera gefilmt. Gesicht, Körper, Hände werden auf eine zwei mal zwei Meter große Leinwand projiziert, gegenüber von der Verteidigerbank, wo der 52-jährige Angeklagte zwischen seinen beiden Anwälten plus Anwältin sitzt.

Dieses Heim-Kino würde allen Anwesenden das Beobachten der Reaktionen der Hauptbelastungszeugin erleichtern, heißt es. Die Anwesenden, das sind 21 Menschen: die Staatsanwälte, Richter, Gutachter, Verteidiger – und Jörg Kachelmann. Drei Frauen und 18 Männer. Die neun Gutachter sitzen im Rücken der Zeugin, sie sehen sie also von hinten und vorne zugleich.

Dermaßen eingekesselt würde wohl der stoischste Mensch nervös, würde irgendwann Anzeichen von Überforderung oder Unsicherheit zeigen – die leicht interpretiert werden könnten als Anzeichen für Lügen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Ex-Freundin ihre Dünnhäutigkeit und ihr Gehetztsein nur noch mühsam mit einer gewissen Forschheit überdecken kann.

Warum also liefert die Frau sich einer solchen unzumutbaren Befragungstechnik aus, die sie bis in die letzte Pore ausforscht? Liegt es daran, dass sie sich ihrer Sache so sicher ist? Geht sie davon aus, nichts zu verbergen zu haben? Allein am Mittwoch wurde die Ex-Freundin sechs Stunden lang vom Gericht befragt. „Unter den gegebenen Umständen hält sie sich ganz gut“, kommentierte Staatsanwalt Oltrogge. Danach werden die Staatsanwälte und Kachelmanns Verteidiger Fragen stellen.

Die Verteidigung wird, nach Ablehnung eines ihrer wichtigsten Gutachters, weiterhin nicht müde, immer neue Gutachter aufzufahren. Schon jetzt sind fünf der neun anwesenden Gutachter von der Verteidigung bestellt (und bezahlt), der Rest ist vom Gericht beauftragt.

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zum „Rechtsempfinden“ der Geschlechter. Und dabei hat sich herausgestellt, dass Frauen und Männer ein sehr unterschiedliches Rechtsempfinden haben. Für Frauen ist „Recht“ gleich „Gerechtigkeit“. Für Männer aber ist Recht ein Regelwerk, bei dem es weniger um Gerechtigkeit und mehr um Macht geht.

Damit liegen die Männer durchaus richtig. Auch für einen Anwalt ist es gemeinhin keineswegs entscheidend, ob der Angeklagte nun in Wahrheit schuldig oder unschuldig ist. Entscheidend ist, dass er seinen Mandanten raushaut, mit allen Mitteln. Dafür wird er schließlich auch bezahlt.

In der nächsten Woche geht es weiter. Dann wird die Nacht vom 8. auf den 9. Februar ausführlich zur Sprache kommen, laut mutmaßlichem Opfer die schlimmste Nacht ihres Lebens.

Und der Angeklagte? Der bleibt dabei: Er schweigt.

Alice Schwarzer

  • Aufregende Tage in Burma
  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
    • Das Urteil hinterlässt einen bitteren Beigeschmack - Nr. 26
    • Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen - Nr. 25
    • Großer Tag für den eitlen Star-Anwalt - Nr. 24
    • ein_angemessener_kompromiss
    • die_staatsanwaelte_plaedieren_auf_schuldig
    • Ist das Glas halb voll oder halb leer? - Nr. 21
    • Kachelmanns Anwalt wettert gegen unliebsame Zeuginnen - Nr. 19
    • Die Kulissen hinter dem Prozess - Nr. 18
    • Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz - Nr. 17
    • Kachelmann und die Sache mit den Eheversprechen - Nr. 16
    • Kachelmann ist sein eigenes Opfer - Nr. 15
    • Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14
    • Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13
    • Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12
    • Kachelmann und die Mitleidsmasche - Nr. 11
    • Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10
    • Die Spielchen der Verteidigung - Nr. 9
    • Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8
    • Nichts zu lachen für Jörg Kachelmann - Nr. 7
    • Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6
    • Warum Millionen Frauen betroffen sind - Nr. 5
    • Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern - Nr. 4
    • Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
    • Der mutige Aufritt der Ex-Freundin - Nr. 2
    • Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Zeit-Magazin: Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Über Frauen und die Welt
  • Der Spiegel 15.11.04
  • Spiegel online Interview Prostitution
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Corine-Preis für Necla Kelek
  • Dankesrede Necla Kelek
  • Feminismus-Debatte
  • Kernthemen
  • Archiv

 

Die Autobiografie

 

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Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

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