Alice Schwarzer in BILD - 6.9.2010

Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1

Jörg Kachelmann? Den konnte ich immer gut leiden. Ich war mehrfach in einer seiner Sendungen. Und einmal haben wir sogar Rock’n Roll zusammen getanzt. Live. Und uns ziemlich amüsiert. Ich bin also eine von vielen, denen das scheinbar Unbekümmerte, das Lässige an ihm gefiel.

Auch darum galt im März, als er verhaftet wurde, bei EMMA die Richtlinie: abwarten. Denn es stand – und steht – Aussage gegen Aussage. Und so eine Anklage wegen „besonders schwerer Vergewaltigung“ ist schließlich kein Pappenstiel. Weder für den Angeklagten, noch für das mutmaßliche Opfer.

Seither ist viel passiert. Dem ersten Erschaudern, das durch Medien und Menschen ging beim Anblick des abgeführten Kachelmann, folgte ein radikaler Meinungswechsel. Doch der ist weniger den veränderten Tatsachen, sondern vor allem den gewieften Medienanwälten des Medienstars zu verdanken.

So warteten etliche seriöse Blätter keineswegs den Prozess ab, sondern schienen schon vorher die Wahrheit zu kennen. Manche titelten bereits im Sommer mit Schlagzeilen wie „Schuldig auf Verdacht“ und zögerten nicht zu suggerieren, die vielfach betrogene und frustrierte Ex-Freundin wolle sich nur rächen an dem Armen.

Kachelmann dürfe darum eigentlich gar nicht erst angeklagt werden. Zumindest aber müsse er nach dem rechtsstaatlichen Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen werden.

Aufwind bekam die Pro-Kachelmann-Fraktion, als sich herausstellte, dass die Ex-Freundin in einem Detail gelogen hatte: Sie hatte von der „Anderen“ – in Wahrheit waren es ja viele Andere! – nicht erst am Tag der mutmaßlichen Tat erfahren, sondern bereits Wochen zuvor.

Und als der TV-Star dann auch noch nach 130 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, da ging ein Seufzen durch die Reihen der Kachelmann-Freundinnen in den Medien (Es sind auffallenderweise tatsächlich vor allem Frauen): „Endlich!“

Doch während der Angeklagte Urlaub in Kanada machte, musste die Klägerin in Schwetzingen unter Polizeischutz gestellt werden. Denn die Hetzjagd ist im Internet seit Wochen eröffnet. Gegen sie. Die Radiomoderatorin wird als „faule Luxusfrau“ beschimpft, die „diese Vergewaltigungsgeschichte erfunden“ habe. Verkehrte Welt?

In einem Forum emanzipations-matter Männer wurde gar ein Foto der Klägerin, ihr voller Name plus Adresse (inklusive Abbildung ihres Wohnhauses), sowie ihr Autokennzeichen veröffentlicht. Dann kann es ja losgehen.

So ein Klima kann nur entstehen, wenn ein Mensch öffentlich degradiert und für vogelfrei erklärt wird.

Nicht zuletzt darum werde ich ab heute den Kachelmann-Prozess an manchen tagen auch ganz aus der Nähe, im Sitzungssaal Nr. 1 des Landgerichts Mannheim, verfolgen. Denn noch steht Aussage gegen Aussage. Noch sind die Worte der Ex-Freundin nicht weniger ernst zu nehmen als die des Mannes, den sie der Vergewaltigung beschuldigt.

Alice Schwarzer für die Bild, 6.9.2010

 

  • Aufregende Tage in Burma
  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
    • Das Urteil hinterlässt einen bitteren Beigeschmack - Nr. 26
    • Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen - Nr. 25
    • Großer Tag für den eitlen Star-Anwalt - Nr. 24
    • ein_angemessener_kompromiss
    • die_staatsanwaelte_plaedieren_auf_schuldig
    • Ist das Glas halb voll oder halb leer? - Nr. 21
    • Kachelmanns Anwalt wettert gegen unliebsame Zeuginnen - Nr. 19
    • Die Kulissen hinter dem Prozess - Nr. 18
    • Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz - Nr. 17
    • Kachelmann und die Sache mit den Eheversprechen - Nr. 16
    • Kachelmann ist sein eigenes Opfer - Nr. 15
    • Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14
    • Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13
    • Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12
    • Kachelmann und die Mitleidsmasche - Nr. 11
    • Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10
    • Die Spielchen der Verteidigung - Nr. 9
    • Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8
    • Nichts zu lachen für Jörg Kachelmann - Nr. 7
    • Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6
    • Warum Millionen Frauen betroffen sind - Nr. 5
    • Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern - Nr. 4
    • Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
    • Der mutige Aufritt der Ex-Freundin - Nr. 2
    • Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Zeit-Magazin: Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Über Frauen und die Welt
  • Der Spiegel 15.11.04
  • Spiegel online Interview Prostitution
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Corine-Preis für Necla Kelek
  • Dankesrede Necla Kelek
  • Feminismus-Debatte
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Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

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