Alice Schwarzer in BILD - 8.12.2010

Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14

Morgen wird erneut ein Zeuge im Verhandlungssaal 1 des Mannheimer Landgerichts antreten, der eigentlich schon am vergangenen Freitag vernommen werden sollte – was jedoch ein spektakuläres Manöver des neuen Verteidigers von Kachelmann verhindert hat.

Krawall-Anwalt Schwenn ballerte quasi aus der Hüfte auf den Zeugen Prof. Günter Seidler. Der international anerkannte Psychiater und Traumatologe lehrt und forscht an der Universität Heidelberg - und er therapiert. Unter seinen PatientInnen befindet sich seit März dieses Jahres auch die Ex-Freundin Kachelmanns, die den TV-Meterologen beschuldigt, sie vergewaltigt und mit dem Tode bedroht zu haben.

In einem wahren Husarenstreich forderte Verteidiger Schwenn nun überraschend, den persönlichen Aktenkoffer des Zeugen zu beschlagnahmen. Denn, so sein Argument, der Traumatologe sei parteiisch und habe Kontakt mit dem Opferanwalt und dem Staatsanwalt. Außerdem sei anzunehmen, dass „der Inhalt des Koffers uns die Möglichkeit gibt zu einer etwas erweiterten Akteneinsicht, die uns die Staatsanwaltschaft bisher verweigerte“.

Prof. Seidler ist kein Jurist und war von der Attacke überrumpelt. Er übergab seinen Aktenkoffer also dem Richter. Und der Richter? Der sagte kein Wort dazu.

Dabei passierte da etwas Ungeheuerliches! Etwas, was die eh schon existierende Schieflage in diesem Prozess zwischen allmächtigem Angeklagten und ohnmächtigem mutmaßlichen Opfer vollends zum Kippen bringen könnte.

In dem Koffer des Arztes befanden sich nämlich nicht nur zwei private Terminkalender mit Namen von Patienten, sondern auch die Protokolle aller 53 Therapiesitzungen mit dem mutmaßlichen Opfer, die letzten drei handschriftlich. Damit hat nun die Verteidigung Kachelmanns – also auch der mutmaßliche Täter – einen uneingeschränkten Einblick in die intimen, privaten therapeutischen Gespräche zwischen dem mutmaßlichen Opfer und seinem Therapeuten!

Denn der Vorsitzende Richter übergab den Aktenkoffer von Prof. Seidler gegen 14.20 Uhr an Schwenn, inklusive Inhalt. Dann brach der Richter die Verhandlung ab. Der Verteidiger hatte also genug Zeit, die Unterlagen „zu durchforsten“ (Richter Seidling). Das Kachelmann-Team nutzte seine Chance. Prof. Seidler erhielt seinen Aktenkoffer erst gegen 18 Uhr zurück.

Übrigens: Verteidiger Schwenn hatte nach all dem auch noch die Dreistigkeit, den Traumatologen rufschädigend als „scharlatanesk“ zu bezeichnen – was in den Medien freudig zitiert wurde.

Also führen wir es uns nochmals vor Augen, was passiert ist: Kachelmanns Verteidiger hat sich am Freitag sozusagen mit ins Therapiezimmer des mutmaßlichen Opfers gesetzt. Er weiß jetzt alles, was die Frau ihrem Therapeuten anvertraut hat; kennt ihre Gemütsverfassung und ihre intimsten Gedanken. Das ist ein Supergau. Wie kann es nur sein, dass die Staatsanwälte und der Richter das zugelassen haben?!

Morgen also wird Prof. Seidler erneut versuchen, als sachverständiger Zeuge auszusagen. Diesmal lässt er sich von einem juristischen Beistand begleiten. Denn selbst ein Zeuge kann dieses Gericht ohne Schutz vor dieser Verteidigung kaum noch betreten.

Alice Schwarzer

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