Alice Schwarzer in BILD - 1.10.2010
Nichts zu lachen für Kachelmann - Nr. 7
In dieser vierten Verhandlungswoche im Landgericht Mannheim ist Schluss mit Spekulationen und Interpretationen. Nur der Verteidiger von Jörg Kachelmann spricht noch von einer „gewaltigen Lüge der Anzeigenerstatterin“. Die behauptet bekanntlich, ihr Ex-Freund habe sie in der Nacht vom 9. Februar vergewaltigt und ihr mit dem Tode gedroht.
Drei Zeugen aber sahen das anders in dieser Woche. Sowohl die beiden Kriminalkommissarinnen wie auch der Haftrichter gehen davon aus, dass die Ex-Freundin die Wahrheit sagt.
Richter Siegfried B. tritt in den Zeugenstand. Er hatte nach der Verhaftung die Fortdauer der Untersuchungshaft für Jörg Kachelmann angeordnet, weil ihm dessen „Schilderung zum Ablauf des Abends nicht einleuchtend“ war. Und er setzt hinzu: „Mir war auch nicht einleuchtend, dass eine Frau erst freiwillig den Geschlechtsverkehr ausführt und sich dann zur Trennung bespricht.“
Und da sind die beiden erfahrenen Kriminalkommissarinnen. Beide berichten, dass das mutmaßliche Opfer am Boden zerstört gewesen sei und offensichtlich traumatisiert von der ausgestandenen „Todesangst“.
Als erste sagt Hauptkommissarin Angelika S. aus. Sie war nach dem Anruf der Radiomoderatorin morgens um acht eine Stunde später die erste, die die junge Frau vernahm. Die war mit ihrer Mutter gekommen. Auf die Frage des Richters, ob die Kripobeamtin das Gefühl gehabt habe, dass da „etwas nicht stimmte“, antwortet diese eindeutig: „Das Gefühl hatte ich eigentlich überhaupt nicht.“
Der Richter hakt nach: Ob die Beamtin Erfahrungen mit Vergewaltigungsfällen und auch Falschanschuldigungen habe? Und ob, erwidert die 59-jährige Kommissarin, die seit 1978 im Dienst ist. Aber in diesem Fall hätte sie keine Sekunde den Verdacht gehabt, dass die Frau lügt.
Auftritt der zweiten Kripobeamtin. Auch sie berichtet über das mutmaßliche Opfer: „Sie war fertig, völlig fertig.“ Und auf Nachfrage: Nein, von einem „Verfolgungseifer“ der Frau habe sie nichts bemerkt. Die habe nur gesagt: „Elf Jahre. Und jetzt ist alles aus.“
Kein guter Tag für den Angeklagten. Man darf gespannt sein, mit welcher Strategie die Verteidiger darauf reagieren werden. Und Jörg Kachelmann? Der schweigt, wie von seinem Verteidiger Birkenstock verordnet. Nur seine Gesten sprechen – aber welche Sprache? Mal cremt er sich die Lippen, mal fährt er sich durchs Haar, mal grinst er. Dabei gab es an diesem Tag wirklich nichts zu lachen für ihn.
Alice Schwarzer für Bild, 1.10.2010
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