Alice Schwarzer in BILD - 19.11.2010

Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12

Jörg Kachelmann beschäftigt bekanntlich zahlreiche Anwälte, darunter auch Ralf Höcker aus Köln. Der Medienrechtler – bekannt aus der RTL-Sendung “Einspruch – die Show der Rechtsirrtümer” – ist bemüht, die Rechte seines Mandanten in den Medien zu verteidigen. Und er wirkt stolz darauf, schon jetzt mehr als 50 einstweilige Verfügungen gegen Zeitungen und Zeitschriften durchgesetzt zu haben, mit denen diese höchst richterlich mundtot gemacht wurden. Auch BILD und EMMA sind davon betroffen.

Ein solches Vorgehen ist durchaus legitim. Denn schließlich ist Kachelmann zwar angeklagt, aber nicht verurteilt. Er hat Anspruch auf Rechtsschutz.

Wie aber steht es mit dem mutmaßlichen Opfer? Das ist zwar nicht angeklagt, sondern im Gegenteil die Hauptzeugin der Anklage. Es steht jedoch in der öffentlichen Meinung am Pranger: So manche Medien, darunter auch durchaus seriöse, schildern die Ex-Freundin als Lügnerin, die sich nur rächen wolle. Wie kommen diese Medien darauf? Und wie weit dürfen sie gehen bei der Vorverurteilung des mutmaßlichen Opfers?

Wie weit wiederum die Anwälte des Angeklagten gehen, dafür lieferte Höcker gerade ein aufschlussreiches Beispiel.

In einem Brief an meinen Verlag Kiepenheuer und Witsch bezeichnete der Medienanwalt die Ex-Freundin (die sagt, sie sei in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar von ihrem langjährigen Freund vergewaltigt und mit dem Tode bedroht worden), als “die Erfinderin des Vergewaltigungsvorwurfes”. Einfach so. Mal eben. Nicht: das “mutmaßliche Opfer”. Auch nicht: “das angebliche Opfer”. Nein: “die Erfinderin des Vergewaltigungsvorwurfes”. Denn das weiß man ja, dass Frauen so was gerne erfinden.

Der Kachelmann-Anwalt schreibt das in einem Brief, mit dem er vorauseilend versucht, mein geplantes Buch über den “Fall Kachelmann” zu verhindern – zumindest aber seine Veröffentlichung zu erschweren. Denn dieses – bisher noch gar nicht geschriebene! – Buch würde “fast sicher angreifbare Rechtsverletzungen enthalten”, so Höcker.

In Fachkreisen heißt dieses ganze Gebahren “Litigation PR”, Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit. Ein relativ neues, aus Amerika kommendes Fach, in dem sich jetzt manche Journalisten und Juristen hervortun. Dabei geht es jedoch nicht nur um den legitimen Schutz eines – zu recht oder unrecht – Angeklagten. Sondern auch um die schon fragwürdigere Beeinflussung der Medien in seinem Sinne. Entweder durch juristischen Druck. Oder aber durch gezieltes Informieren bestimmter Journalistinnen und Journalisten – in der Hoffnung, dass diese dann auch im Interesse der Verteidigung berichten.

Auch dafür ist so ein Medienanwalt zuständig. Und genau darum bot Ralf Höcker mir noch vor meiner allerersten Stellungnahme im Fall Kachelmann in der Sendung von Anne Will unaufgefordert via Email ein “persönliches Gespräch” an. Er stehe mir hierfür jederzeit (“auch am Wochenende”) gerne zur Verfügung, schrieb mir der Kachelmann-Anwalt am 30. Juli einschmeichelnd.

All das geschieht zugunsten des Angeklagten. Bleibt nur noch eine Frage: Wer sorgt eigentlich für den Persönlichkeitsschutz eines Opfers?

Alice Schwarzer

  • Aufregende Tage in Burma
  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
    • Das Urteil hinterlässt einen bitteren Beigeschmack - Nr. 26
    • Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen - Nr. 25
    • Großer Tag für den eitlen Star-Anwalt - Nr. 24
    • ein_angemessener_kompromiss
    • die_staatsanwaelte_plaedieren_auf_schuldig
    • Ist das Glas halb voll oder halb leer? - Nr. 21
    • Kachelmanns Anwalt wettert gegen unliebsame Zeuginnen - Nr. 19
    • Die Kulissen hinter dem Prozess - Nr. 18
    • Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz - Nr. 17
    • Kachelmann und die Sache mit den Eheversprechen - Nr. 16
    • Kachelmann ist sein eigenes Opfer - Nr. 15
    • Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14
    • Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13
    • Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12
    • Kachelmann und die Mitleidsmasche - Nr. 11
    • Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10
    • Die Spielchen der Verteidigung - Nr. 9
    • Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8
    • Nichts zu lachen für Jörg Kachelmann - Nr. 7
    • Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6
    • Warum Millionen Frauen betroffen sind - Nr. 5
    • Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern - Nr. 4
    • Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
    • Der mutige Aufritt der Ex-Freundin - Nr. 2
    • Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Zeit-Magazin: Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Über Frauen und die Welt
  • Der Spiegel 15.11.04
  • Spiegel online Interview Prostitution
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Corine-Preis für Necla Kelek
  • Dankesrede Necla Kelek
  • Feminismus-Debatte
  • Kernthemen
  • Archiv

 

Die Autobiografie

 

Vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag EMMA. In großer Offenheit erzählt Alice Schwarzer ihren "Lebenslauf". Über ihre Kindheit & Jugend; über Arbeit, Liebe & Politik. Rezensionen

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Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

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