Alice Schwarzer in Bild - 3.5.2011

Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Wer am 3. Mai im Verhandlungssaal 1 des Mannheimer Landgerichts dem brillanten Vortrag der Psychologieprofessorin Luise Greuel gelauscht hat, wird in Zukunft vor allem einem misstrauen: seinem eigenen Gedächtnis! Die Frau, die das so genannte „Glaubwürdigkeitsgutachten“ über die Behauptung der Ex-Freundin, von Jörg Kachelmann vergewaltigt worden zu sein, verfasst hat, listete zahlreiche Gründe auf, die zu einer Falschaussage führen können. Können, nicht müssen.

Dabei ging es der Psychologin nicht um bewusste Lügen, sondern vor allem um unbewusste falsche Darstellungen. Wie bei den so genannten „Knallzeugen“. Das sind Menschen, die einen Knall gehört haben, sich umdrehen, zwei ineinandergefahrene, lädierte Autos sehen – und nun Stein und Bein schwören, dass sie genau gesehen haben, wie es passiert ist. Sie glauben, es gesehen zu haben.

Bei Vergewaltigungen ist es noch komplizierter. Denn klassisch für die Täuschung eines Gedächtnisses sind Faktoren wie: Angst, Verzweiflung oder Erregung. All das kann bei einer Vergewaltigung eine Rolle spielen. Doch so eine Psychogutachterin ist keine Detektivin, bei ihr geht es nicht um Fakten, sondern nur um Mutmaßungen.

Bereits in ihrem schriftlichen Vorabgutachten kam die Psychologin zu dem Schluss, dass es so gewesen sein könnte, wie das mutmaßliche Opfer sagt – aber auch anders.

Doch die Pointe des Gutachtens ist: Alle Gründe zum Zweifel am Wahrheitsgehalt einer Aussage treffen in diesem Fall auch auf den mutmaßlichen Täter zu. Sollte Jörg Kachelmann seine Ex-Freundin in der Nacht vom 9. Februar 2010 vergewaltigt haben, kannte auch er: Angst (dass sein Lügengebäude zusammenbricht), Verzweiflung (über das Ende seiner Karriere als Charmeur), Erregung (über den Widerstand einer bisher Gefügigen).
Doch über den Wahrheitsgehalt der Unschuldsbehauptung des Angeklagten wurde in Mannheim bisher nicht gesprochen. Denn Kachelmann redet nicht. Im Gegensatz zu dem mutmaßlichen Opfer. Die 37-jährige Radiomoderatorin hat sich nicht nur von Prof. Greuel elf Stunden lang auf Herz und Nieren prüfen lassen. Freiwillig. Sondern auch von weiteren Gutachtern. Freiwillig.

Doch diese mal vom Gericht, mal von der Verteidigung bestellten (und bezahlten) Gutachter sagen mal Hü und mal Hott. Oder aber wie Greuel: Vielleicht, vielleicht aber auch nicht… Und für die Journalisten ist, je nach Sympathien, das Glas mal halb voll, mal halb leer.

Zuguterletzt werden in diesem Indizienprozess also die Richter die Fakten abwägen und sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen müssen. Das ist schließlich auch die Aufgabe eines Richters.

Alice Schwarzer


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Editorial von Alice Schwarzer in der aktuellen EMMA: Das Gesetz des Stärkeren

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Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

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