Alice Schwarzer in BILD - 10.9.2010
Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
Was soll man davon halten? In diesem Prozess haben wir ein mutmaßliches Opfer, das seit Monaten auf Herz und Nieren geprüft wird. Eine Gutachterin hat 128 Seiten über die Glaubwürdigkeit der Ex-Freundin verfasst und sie zu ihrem ganzen Leben, von der Kindheit bis heute, befragt, plus intimer Details ihrer Beziehung zu Kachelmann. Ein weiterer Gutachter hat sich über sie gebeugt, um zu prüfen, ob die Frau, die ihren Ex-Freund der Vergewaltigung beschuldigt, auch wirklich einen traumatisierten Eindruck macht.
All diese Befragungen und Begutachtungen hat die 37-jährige Radiomoderatorin freiwillig über sich ergehen lassen. Sie hätte es nicht machen müssen. Doch sie tut es. In der Absicht, zu beweisen, dass sie die Wahrheit sagt und keine Lügnerin ist.
Jörg Kachelmann aber, der mutmaßliche Täter, hat bisher nur einmal gesprochen. Direkt nach der Verhaftung hat er bei der Polizei die fragliche Nacht aus seiner Sicht geschildert und bestritten, seine Ex-Freundin vergewaltigt zu haben.
Eine Befragung für ein psychologisches Gutachten zu seiner Persönlichkeit hat der TV-Star bisher strikt abgelehnt. Und jetzt gehen seine Anwälte sogar soweit, die Anwesenheit eines Gutachters im Gerichtssaal verhindern zu wollen, der sich im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Bild von dem Angeklagten machen soll. Warum? Hat Kachelmann etwas zu verbergen?
Im Gegenteil. „Wir sehen keine Veranlassung für eine Begutachtung, weil unser Mandant unschuldig ist. Er wird daher nicht mitwirken“, teilte seine Verteidigerin Andrea Combé mit. Ach so. Ja dann.
Übrigens, Frau Combé: Auch die Frau behauptet, die Wahrheit zu sagen. Es gibt also zwei Wahrheiten. Aber nur einer ist anscheinend bereit, seine persönliche Wahrheit auch überprüfen zu lassen.
Alice Schwarzer für Bild, 10.9.2010
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