Alice Schwarzer in Bild - 5.2.2011
Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz
Dieser Donnerstag war mal wieder ein langer und für uns JournalistInnen zäher Verhandlungstag. Doch am Ende der Befragung des Traumaforschers Prof. Seidler ging es plötzlich nicht mehr um das mutmaßliche Opfer – sondern um mich.
Fünf Minuten vor Ende der Verhandlung fordert der Kachelmann-Verteidiger auf einmal, mich als „Zeugin“ zu laden. Etwa, weil ich irgendetwas über die fragliche Nacht weiß, um deren Klärung es hier ja gehen sollte? Weit gefehlt!
Verteidiger Schwenn suggeriert, ich stünde an der Spitze eines „öffentlichen Feldzuges“ gegen seinen Mandanten, gemeinsam mit dem mutmaßlichen Opfer und dessen Therapeuten. Was absurd ist. Geht es noch absurder? Es geht.
Kaum hat Gerhard Schwenn diesen wohl für alle im Saal überraschenden Antrag ausgesprochen, da fordert Richter Seidling mich auch schon auf, den Saal zu verlassen. Denn als potenzielle Zeugin dürfe ich der Verhandlung nicht mehr beiwohnen. Kopfschüttelnd gehe ich, mit der Bemerkung: „Das nimmt ja Formen an.“ Schwenn kontert: „Das sind die Formen der Strafprozessordnung!“ Wirklich? Oder nicht vielmehr seine Umgangsformen?
Wohl eher letzteres. Der Kachelmann-Verteidiger investiert sehr viel Energie, um alle in diesem Gerichtssaal, die nicht offensiv die Unschuld des der Vergewaltigung Angeklagten propagieren, hemmungslos zu diffamieren.
Richter wie Staatsanwälte behandelt Schwenn rituell wie inkompetente Provinzler und droht ihnen mit einem „anderen Gericht“ (die nächste Instanz). Nicht genehme Sacheverständige werden von ihm auch schon mal als „Scharlatan“ (Traumatologe Seidler) bezeichnet oder einer „feministischen Irrmeinung“ (Psychologin Greuel) bezichtigt. Man hat den Eindruck, am liebsten würde Schwenn das ganze Gericht des Saales verweisen.
Leider ist es dem so gar nicht hanseatisch auftretenden Juristen aus Hamburg gelungen, den Mannheimer Verhandlungssaal innerhalb weniger Wochen in einen Rummelplatz zu verwandeln. In dieser Jahrmarktstimmung ist es dann auch nur folgerichtig, dass das Pro-Kachelmann-Stamm-Publikum die Richter ausbuht, wenn ihm etwas nicht passt.
Inmitten dieses ganzen Rummels wirkt das Gericht fast hilflos. Seine Aufgabe, das Geschehen in der fraglichen Nacht zu klären, ist schon schwer genug. Und sie wird durch diese so wenig sachbezogene Verteidigung zusätzlich belastet. Da drängt sich die Frage auf, ob das wirklich der Sache dient – oder nur dem Radschlagen eines „Staranwaltes“.
Eine Sternstunde des Rechtsstaates ist diese Art von Prozess auf jeden Fall nicht. Man kann nur hoffen, dass die Verteidigung es sich jetzt nicht zur lieben Gewohnheit macht, unliebsame JournalistInnen als „Zeugen“ zu benennen. Doch gehe ich davon aus, dass das Gericht diese Spielchen nicht mitmacht und mich schnellstmöglich laden lässt – damit ich wieder da Platz nehmen kann, wo ich hingehöre: auf der Pressebank.
Alice Schwarzer
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Malte Arnsperger: Stellungskrieg in Mannheim, stern 3.2.2011
Stefan Winterbauer: Die gefühlte Anti-Kachelmann-Verschwörung, meedia, 4.2.2011
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