Alice Schwarzer in Bild - 19.5.2011
Ein angemessener Kompromiss
Nach diesen Plädoyers gab es kein Drumherum mehr: Jörg Kachelmann habe ein „Verbrechen der besonders schweren Vergewaltigung“ begangen, so die Staatsanwaltschaft.
Darauf stehen fünf bis 15 Jahre Gefängnis. Doch dann fand ausgerechnet Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge, der als der schärfste Vertreter der Anklage gilt, einen Grund zur Milde.
Der TV-Moderator sei aufgrund seiner Bekanntheit in besonderem Maße der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen, mit Schaden für sein „zusammengebrochenes Privatleben“ und seine berufliche Zukunft. Außerdem handele es sich bei der Vergewaltigung um die Fortsetzung der Rollenverteilung in dieser Beziehung. In diesem Spiel war sie die „Dienerin“ und er der dominante „Herr“.
Unter diesen Vorzeichen forderte die Staatsanwaltschaft vier Jahre und drei Monate Gefängnis sowie die Übernahme aller Kosten. Mir scheint das in diesem in der Tat sehr komplizierten Fall mit seinen hohen emotionalen Verstrickungen aller Beteiligten ein angemessener Kompromiss.
Zuvor hatten die Staatsanwälte Oltrogge und Gattner ihre sehr überzeugenden und fundierten Plädoyers gehalten. Oltrogge schilderte die Version der Tatnacht aus Sicht des mutmaßlichen Opfers als durchgängig überzeugend. Als er auf die Todesangst der Frau zu sprechen kam, die auch von Psychologin Greuel als „authentisch“ bestätigt worden war, grinsten Kachelmann und sein Anwalt Schwenn breit. Überhaupt gab es für die beiden öfter mal was zu grinsen.
Oberstaatsanwalt Gattner rettete zuguterletzt die Ehre der Frauen. Er schilderte eindrücklich, mit welchen menschenverachtenden Manipulationen Kachelmann es geschafft haben soll, mehreren Frauen auf einmal glaubhaft zu versichern, dass sie die jeweils Einzige seien und er sie demnächst heiraten wolle.
Alice Schwarzer
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