Alice Schwarzer in BILD - 8.10.2010

Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8

Wir alle kennen das: Wenn ein Tier – eine Maus, ein Reh – überrascht wird. Dann kann es passieren, dass es nicht wegläuft, sondern in Schockstarre stehenbleibt und Richtung Gefahr starrt. Bei Menschen ist das nicht anders. Ein Mensch in Todesgefahr kann sich entweder à la James Bond wehren oder aber vor Angst erstarren.

Forscher wissen, dass diese Angststarre vor allem bei Menschen auftritt, die schon mal Böses erlebt haben oder aber einfach keinen Ausweg sehen. Und sie haben bewiesen, dass eine solche Todesangst mit einem totalen Verlust des Gedächtnisses einhergehen kann. Der bedrohte Mensch kann sich dann ausgerechnet an den Moment der allergrößten Gefahr nicht mehr erinnern, er verstummt. Das ist übrigens nicht nur ein psychisches Problem, sondern auch ein physisches: Der Gedächtnisverlust schreibt sich ins Gehirn ein.

Der Neuropsychologe Prof. Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld erforscht das Funktionieren des Erinnerungsvermögens nach Schocks. Bei ihm hatte der Verteidiger von Jörg Kachelmann vor einigen Monaten ein Gegen-Gutachten in Auftrag gegeben. Der Gedächtnisforscher sollte beurteilen, was von dem vom Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten des Heidelberger Traumatologen Prof. Günter Seidler zu halten sei.

Seidler, der seit März auch der Therapeut des mutmaßlichen Opfers ist, hält die Aussage der Ex-Freundin zu der entscheidenden Nacht für absolut nachvollziehbar. Die Tatsache, dass die Radiomoderatorin sich an den mutmaßlichen Vergewaltigungsakt selbst kaum erinnern kann, ist für ihn sogar ein Beweis für ihre besondere Glaubwürdigkeit. Denn diese Art von Erstarrung und Gedächtnisverlust sei typisch für Opfer.

Nach der schweren Niederlage von Mittwoch, an dem der wichtigste Gutachter der Verteidigung, der Rechtsmediziner Prof. Brinkmann, wegen „Befangenheit“ und sein Gutachten als „ungeeignet“ abgelehnt worden war, drohen dem bisher so siegesgewissen Kachelmann jetzt weitere Rückschläge. Sollte es Verteidiger Birkenstock nicht gelingen, die Aussage des Traumatologen, der als Zeuge geladen ist, zu erschüttern, könnte sich die Waagschale noch tiefer Richtung Verurteilung des Angeklagten neigen.

Denn obwohl Birkenstock ansonsten recht großzügig mit Gutachten, die zu Gunsten von Kachelmann zu sein scheinen, umgeht – und deren Ergebnisse auch schon mal auf Flugblättern für die Journalisten im Saal verteilt – hat die Öffentlichkeit bisher kein Wort von der Existenz des Gutachtens des renommierten Gedächtnisforschers Markowitsch gehört. Es verschwand in den Akten.

Warum? Wohl, weil der Gedächtnisforscher dem Traumatologen bescheinigt, dass es genau so, wie der sagt, gewesen sein könnte. Zwar kann die Erinnerung an das Grauen auch wie eingebrannt sein, wie die Verteidigung behauptet – aber sie kann auch im Gegenteil diffus und wortlos sein, wie der Therapeut der Ex-Freundin darlegt. Beides ist möglich.

Sprachlos und wie gelähmt reagieren vor allem Opfer, die schon mal ein traumatisches Erlebnis hatten – oder die so eingeschüchtert sind, dass sie keinen Ausweg mehr sehen.

Zur letzteren Kategorie scheint Kachelmanns Ex-Freundin zu gehören. Vieles deutet darauf hin, dass sie besonders eingeschüchtert ist bzw. war. So wartete sie elf Jahre lang geduldig auf ihn und fügte sich willig seinen sadistischen Sexneigungen. Und sie wagte es auch nicht, ihren Freund wegen der Anderen – die sich dann als viele Andere herausstellten – sofort zur Rede zu stellen.

Über Monate hatte die Radiomoderatorin hinter der Anderen her recherchiert. Doch statt Kachelmann ganz einfach zu fragen, täuschte sie in einem komplizierten Manöver - nämlich mit einem selbst verfassten Brief, in dem es hieß: Er schläft mit ihr! – eine von Dritten zugespielte Information vor. Und das alles, weil sie offensichtlich zu schwach war, ihn direkt zur Rede zu stellen. „Gelernte Hilflosigkeit“ nennen das die Psychologen.

Am kommenden Mittwoch werden die Richter sich selber einen  Eindruck von der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers machen. Die Radiomoderatorin, die behauptet, von Kachelmann vergewaltigt und mit dem Tode bedroht worden zu sein, wird dann als Zeugin aussagen.

Alice Schwarzer für Bild, 8.10.2010

  • Aufregende Tage in Burma
  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
    • Das Urteil hinterlässt einen bitteren Beigeschmack - Nr. 26
    • Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen - Nr. 25
    • Großer Tag für den eitlen Star-Anwalt - Nr. 24
    • ein_angemessener_kompromiss
    • die_staatsanwaelte_plaedieren_auf_schuldig
    • Ist das Glas halb voll oder halb leer? - Nr. 21
    • Kachelmanns Anwalt wettert gegen unliebsame Zeuginnen - Nr. 19
    • Die Kulissen hinter dem Prozess - Nr. 18
    • Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz - Nr. 17
    • Kachelmann und die Sache mit den Eheversprechen - Nr. 16
    • Kachelmann ist sein eigenes Opfer - Nr. 15
    • Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14
    • Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13
    • Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12
    • Kachelmann und die Mitleidsmasche - Nr. 11
    • Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10
    • Die Spielchen der Verteidigung - Nr. 9
    • Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8
    • Nichts zu lachen für Jörg Kachelmann - Nr. 7
    • Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6
    • Warum Millionen Frauen betroffen sind - Nr. 5
    • Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern - Nr. 4
    • Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
    • Der mutige Aufritt der Ex-Freundin - Nr. 2
    • Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
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  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
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Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

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