Alice Schwarzer in Bild - 11.2.2011
Die Kulissen hinter dem Prozess
Am Mittwoch musste ich im Kachelmann-Prozess die Pressebank gegen den Zeugenstuhl tauschen. Kachelmann-Verteidiger Schwenn wollte das so.
Er unterstellte mir ein Komplott mit der mutmaßlich vergewaltigten Ex-Freundin von Kachelmann und deren Therapeuten. Was natürlich absurd ist.
Nach drei Minuten war ich wieder raus aus dem Gerichtssaal.
Doch die Zeit, in der ich darauf gewartet hatte, vom Richter gerufen zu werden, war für mich eine der interessantesten Stunden des gesamten bisherigen Prozesses.
Während auf der Bühne des Verhandlungssaals der x-te Sachverständige der Verteidigung gehört wurde, saß ich nämlich in den Kulissen: Im „Vernahmeraum“ 18; 15 qm, ein Tisch, vier Stühle, eine auf mich gerichtete Videokamera und ein Schrank.
Und in dem Schrank? Stofftiere – Bären, Löwen, Hasen – Bauklötzchen, Malstifte und Bilderbücher. Spielzeug für Kleinkinder. „Die sind für die Kinder, die hier vernommen werden“, erklärt mir Herr Loreth, der Verwaltungschef. „Jeden Monat mindestens zwei, drei. Aber das interessiert niemanden.“
Wenn die Kinder da sind, zieht der freundliche Herr Loreth „was Helles“ an und nicht das dunkle Jackett wie heute: „Das macht ihnen Angst.“
Die Kinder, die hier aussagen, sind vermutlich Opfer von sexuellem Missbrauch. Durch einen Nachbarn, Onkel – oder gar den eigenen Vater.
Es sind Kinder, die die Angst meist nur zu gut kennen. Oft geht es um das Sorgerecht, weil die Mutter sich getrennt hat. Aber da hat das Kind als „Opferzeuge“ von vornherein ganz schlechte Karten. Denn beim Kindesmissbrauch gilt in Deutschland seit dem 1.9.2009 der so genannte „Strengbeweis“.
„Schlüssige Hinweise auf Missbrauch“ aus Sicht von Psychologen zum Beispiel oder eindeutig scheinende Zeichnungen eines Kindes genügen nicht mehr.
Der „Strengbeweis“ bedeutet, so die Vorsitzende des „Vereins Alleinerziehender Mütter und Väter“ und Familienrechtlerin Edith Schwab, „dass Kinder unter vier, fünf Jahren schutzlos sind, weil sie nicht als ‚gerichtsfeste‘ Zeugen gelten“.
Da steht dann Aussage gegen Aussage. So wie im Fall Kachelmann.
Dessen Prozess, dank der Manöver und Spielchen der Verteidigung längst zum Schauprozess verkommen, währt schon sieben Monate. Und es ist gut möglich, dass das Spektakel bis zur Sommerpause so weitergeht.
Das wäre dann fast ein Jahr, mit vier Richtern (inklusive Reserverichter), vier Schöffen (inkl. zwei Ersatzschöffen), zwei Staatsanwälten, einer Armada von Anwälten auf Verteidigerseite sowie Aber- und Aberdutzenden von Journalisten.
Während dieses Spektakel auf der Bühne des Verhandlungssaales 1 läuft, sitzen die Kinder im Zeugenraum 18. Und niemand hört sie.
Alice Schwarzer
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