Alice Schwarzer in BILD - 2.12.2010

Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Jörg Kachelmann mit seiner Verurteilung rechnet. Anders lässt sich so ein spektakulärer Wechsel des Anwalts im letzten Drittel des Prozesses nicht erklären. Auch Kachelmanns neuer Verteidiger, Johann Schwenn, scheint es so zu sehen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass der routinierte Strafverteidiger die Mannheimer Staatsanwälte und Richter noch vor Betreten des Verhandlungssaales in harschen Worten öffentlich als „dilettantisch“ und unfähig beschimpfte. An seinem ersten Verhandlungstag – dem 16. in diesem Prozess! – beschuldigt Schwenn dann die Staatsanwaltschaft als „Partei, die gemeinsam mit den Medien den Angeklagten fertiggemacht“ habe.

Mit einem Gericht, mit dem man noch ernsthaft verhandeln will, geht man anders um. Kachelmanns Anwalt scheint auf ein „Fehlurteil“ gefasst zu sein und stellt wohl die Weichen schon mal auf Revision.

Schon der anscheinend gefeuerte Ex-Verteidiger Birkenstock hatte nicht gerade mit dem Florett gefochten. Der Neue, in Kollegenkreisen als „Krawall-Anwalt“ berüchtigt, schwang noch vor Antritt die Keule. Doch dann, auf der Verteidigerbank, gab der Hamburger gestern den Snob: Der 63-Jährige, der in seiner soignierten Gesetztheit und mit seinem weißen Haar älter wirkt, schlug gleich am ersten Verhandlungstag gegenüber den überwiegend jüngeren Staatsanwälten und Richtern einen näselnd-belehrenden Ton an.

Bei diesem Stil, oszillierend zwischen grob-ausfallend und arrogant-einschüchternd, muss der Heidelberger Traumatologe Prof. Günter Seidler sich morgen warm anziehen. Seidler ist als Therapeut des mutmaßlichen Opfers nicht als Gutachter, sondern als Zeuge geladen. Er ist wohl, neben der Ex-Freundin und der Glaubwürdigkeits-Gutachterin, der wichtigste Zeuge in diesem Prozess. Da der Opferforscher der 37-Jährigen glaubt und bei ihr ein durch die „erlittene Todesangst“ bestehendes Trauma diagnostizierte, steht der international renommierte Wissenschaftler schon länger auf der Abschussliste der Verteidigung.
Und mit ihm gleich die ganze Traumatologie, die vor fast hundert Jahren mit Kriegsveteranen begann und seit 1984 wissenschaftlich anerkannt ist. Für jemanden wie Schwenn aber ist das alles Kokolores und „gegen den Glauben an den Missbrauch kein Kraut gewachsen“. Glauben? Als seien sexueller Missbrauch und Vergewaltigung Glaubenssache und nicht bittere Tatsache.

Da kann man nur von Glück sagen, Glück für die Opfer, dass einer wie „Star-Anwalt“ Schwenn nicht zum Beispiel an der Odenwaldschule oder in einem der zahllosen Internate und Heime verteidigt, wo die Opfer lange genug eingeschüchtert waren, bis hin zum völligen Verstummen.

Wie wird es weitergehen? Vielleicht wird Kachelmann ja doch freigesprochen, und das nicht nur „mangels Beweise“, sondern gar wegen erwiesener Unschuld.

Vielleicht aber sagt auch die Ex-Freundin die Wahrheit über diese dustere Nacht vom 8. auf den 9. Februar, in der der Mann, mit dem sie seit elf Jahren eine Beziehung hatte, sie vergewaltigt und ihr mit dem Tode gedroht haben soll.

Sollte Letzteres zutreffen – ja, dann käme so eine Verteidigung wie die von Kachelmann einer zweiten Vergewaltigung gleich.

Alice Schwarzer

 

  • Aufregende Tage in Burma
  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
    • Das Urteil hinterlässt einen bitteren Beigeschmack - Nr. 26
    • Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen - Nr. 25
    • Großer Tag für den eitlen Star-Anwalt - Nr. 24
    • ein_angemessener_kompromiss
    • die_staatsanwaelte_plaedieren_auf_schuldig
    • Ist das Glas halb voll oder halb leer? - Nr. 21
    • Kachelmanns Anwalt wettert gegen unliebsame Zeuginnen - Nr. 19
    • Die Kulissen hinter dem Prozess - Nr. 18
    • Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz - Nr. 17
    • Kachelmann und die Sache mit den Eheversprechen - Nr. 16
    • Kachelmann ist sein eigenes Opfer - Nr. 15
    • Super-GAU im Kachelmann-Prozess - Nr. 14
    • Der Auftritt des Herrn Schwenn - Nr. 13
    • Kachelmann und die Erfinderin - Nr. 12
    • Kachelmann und die Mitleidsmasche - Nr. 11
    • Wie hält die Ex-Geliebte das nur alles aus? - Nr. 10
    • Die Spielchen der Verteidigung - Nr. 9
    • Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag? - Nr. 8
    • Nichts zu lachen für Jörg Kachelmann - Nr. 7
    • Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6
    • Warum Millionen Frauen betroffen sind - Nr. 5
    • Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern - Nr. 4
    • Hat Kachelmann etwas zu verbergen? - Nr. 3
    • Der mutige Aufritt der Ex-Freundin - Nr. 2
    • Warum ich für BILD den Kachelmann-Prozess kommentiere - Nr. 1
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Zeit-Magazin: Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Über Frauen und die Welt
  • Der Spiegel 15.11.04
  • Spiegel online Interview Prostitution
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Corine-Preis für Necla Kelek
  • Dankesrede Necla Kelek
  • Feminismus-Debatte
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Die Autobiografie

 

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Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

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