Alice Schwarzer in BILD - 24.9.2010

Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen - Nr. 6

Die Mannheimer Richter, die über die Frage von Schuld oder Unschuld von Jörg Kachelmann zu Gericht sitzen, scheinen entschlossen, das Bedienen jeglicher Sensationslust zu vermeiden. Am Mittwoch schlossen sie sogar bei der Aussage der 70-jährigen Mutter des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers die Öffentlichkeit aus. Beim Vater, der in der nächsten Woche aussagt, wird es nicht anders sein.

Er war der erste, der zum Telefon griff, nachdem seine Tochter den Eltern erzählt hatte, sie sei von ihrem langjährigen Freund vergewaltigt worden. Die Eltern kannten Kachelmann, er hatte einige Male auf ihrem Sofa gesessen. Sie wohnen direkt neben der 37-Jährigen und haben ein enges Verhältnis zur Tochter.

Es ist davon auszugehen, dass auch bei der Aussage der Ex-Freundin selbst sowie aller anderen Geliebten, die Kachelmann gleichzeitig hatte, die Öffentlichkeit ausgeschlossen sein wird. Damit soll die „Intimsphäre“ aller Beteiligten geschützt werden. Das ist rücksichtsvoll.

Wie notwendig gleichzeitig die geplante Vernehmung der acht weiteren (Ex?)Freundinnen ist, zeigt ein Detail, das einer der Kriminalbeamten in der letzten Woche aussagte. Er berichtete von E-Mails, die eine dieser Freundinnen nach der Verhaftung Kachelmanns der Polizei überlassen hatte. Es war die Freundin, die Kachelmann am allernächsten gewesen zu sein scheint, denn sie war wohl die einzige, die auch seine Kinder kannte.

In einer E-Mail vom 10. Februar 2010 an diese Freundin, also dem Tag nach der mutmaßlichen Tat, schreibt der Angeklagte aus Kanada, er wolle früher von den Olympischen Spielen in Kanada zurückkehren. Einen Tag später ruft er sie an. Es gehe ihm nicht gut. Er sei wegen „dissoziativer Identitätsstörungen“ in Behandlung und hätte auch schon dreimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Soll er zu ihr gesagt haben.

Die Existenz dieses Krankheitsbildes ist in der Psychiatrie umstritten. Es soll sich dabei um eine „multiple Persönlichkeit“ innerhalb einer Person handeln (Ich bin viele), bei denen die eine nicht weiß, was die andere tut. Zutreffend – oder eine Ausrede? Jahre zuvor hatte Kachelmann bei derselben Freundin schon mal über seine „sadistischen Neigungen“ geklagt, wegen der er in Behandlung sei. Von den Aussagen der Freundinnen sind also durchaus noch Überraschungen zu erwarten.

Die Öffentlichkeit ist längst in zwei Lager geteilt: in das Der-arme-Kachelmann-Lager und das Die-arme-Freundin-Lager. Doch scheint die Anzahl derer zu wachsen, die nachdenklich geworden sind und abwarten wollen. Schließlich steht weiterhin Aussage gegen Aussage.

Wir wissen jetzt, dass der Prozess noch bis mindestens 21. Dezember gehen wird. Mit dem Urteil ist also nicht vor Januar zu rechnen.

Alice Schwarzer für Bild, 24.9.2010

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Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

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