Alice Schwarzer in Bild - 31.5.2011

Bei diesem Prozess haben alle Schaden genommen

Es gilt nur seit 14 Jahren überhaupt als Straftat. Erst 1997 trat das Gesetz in Kraft, nach dem die Vergewaltigung in der Ehe ein Verbrechen ist. Bis dahin war die Erfüllung der „ehelichen Pflicht“ ein Männerrecht. Und gleiches galt in den Köpfen der Menschen selbstverständlich auch für eheähnliche Beziehungen.
Für Beziehungen wie die von Jörg Kachelmann mit seiner Ex-Freundin, die ihn beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Mit ihr hatte er – so schilderte es die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer – noch zwei Wochen vor der fatalen Nacht ein Haus im Schwarzwald besichtigt, in das sie bald einziehen würden. Sogar der Platz für ihr Klavier war schon festgelegt: Im ersten Stock, soll er vorgeschlagen haben.

Die Vergewaltigung in der Ehe wäre auch heute noch „einvernehmlicher Sex“, hätten sich damals nicht die weiblichen Bundestagsabgeordneten aus allen Parteien, von rechts bis links, zusammengeschlossen. Nach 20 Jahren vergeblichen Bittens und Argumentierens brachten die Politikerinnen das Gesetz mit vereinten Kräften durch.

14 Jahre, das ist nicht viel Zeit. Da spukt noch in vielen Köpfen als Männerrecht, was ein Verbrechen gegen ein Menschenrecht ist. Genau darum ging es bei diesem endlosen, quälenden Prozess gegen Jörg Kachelmann keineswegs nur um diese zwei Menschen. Es ging und geht auch um das Verhältnis unserer Gesellschaft zur sexuellen Gewalt. Ist die nur ein Ausrutscher - oder ein Verbrechen?

So wird ja sogar der Fall Strauss-Kahn diskutiert. Dieser einst mächtigste Banker der Welt ist angeklagt, eine schwarze Putzfrau oral vergewaltigt zu haben. Die New Yorker Ermittlungsbehörden bezeichnen die Beweislage als „überwältigend“. Dennoch hieß es zunächst: Das war bestimmt eine Falle, ja eine „Verschwörung“.
Doch warum ist die Beweislage überwältigend? Weil DSK der Putzfrau nicht in Marrakesch begegnet ist, wo er eine Prachtvilla hat, in Paris, wo er zwei Luxuswohnungen besitzt, oder in Schwetzingen. Sondern in New York.

Und da gibt es seit 1974 – in Folge des Kampfes der Frauenbewegung gegen die sexuelle Gewalt – eine „Sondereinheit gegen sexuelle Verbrechen“. Die hoch erfahrenen Kriminalisten und Juristen sind die besten Spurensicherer der Welt. Und vor allem: Sie nehmen die Opfer ernst.

Das sieht hierzulande im Jahr 2011 noch ganz anders aus. Wer hier ein (mutmaßliches) Opfer ernst nimmt, kann sich warm anziehen. Denn der wird selber zum Opfer. Das haben wir auch im Kachelmann-Prozess drastisch vorgeführt bekommen: vom Therapeuten über die Staatsanwälte bis hin zu mir.
Es ist ja auch so viel einfacher, zu einem (mutmaßlichen) Täter zu halten, und schon Monate vor Eröffnung des Prozesses das (mutmaßliche) Opfer als rachsüchtige Lügnerin zu verhöhnen.

Heute Abend werde ich bei Maischberger über das Urteil diskutieren, unter anderem mit einem der frühen Anwälte Kachelmanns, mit Klaus Schroth. Der hatte bereits vorab erklärt, für ihn sei sein Ex-Mandant unschuldig, egal wie der Richterspruch lautet. Da stellt sich die Frage: Sind jetzt die Anwälte die Richter?
Was in diesem Kachelmann-Jahr mal wieder schmerzhaft klar geworden ist: Ein männlicher Angeklagter ist gesellschaftlich, medial, ja sogar juristisch viel stärker als so eine weibliche Nebenklägerin. Wer in diesem Fall auch nur erwog, die Ex-Freundin könnte vielleicht die Wahrheit sagen, der wurde plattgemacht.

Von einer echten Entscheidungsfreiheit der Richter kann unter solchen Umständen eigentlich nicht mehr die Rede sein. Egal, wie das Urteil ausfällt – alle haben Schaden genommen. Allen voran der Rechtsstaat.

Alice Schwarzer

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Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

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