Alice Schwarzer für die FAZ
Aufregende Tage in Burma
Als ich im Januar von meiner Reise nach Burma zurückkehrte, da schallte mir von allen Seiten nur eine Frage entgegen: „Hast du Aung San Suu Kyi getroffen?!“ Nein, habe ich nicht. Aber ich bin ihr ständig begegnet: als jugendliche Schönheit mit Blumen im Haar, in der Garküche in Bahmo, der Hafenstadt am Irrawaddy; neben ihrem Vater, dem Revolutionshelden Aung San, auf Wahlplakaten am Wahlstand ihrer Partei in Mandalay; weise lächelnd im Bilderrahmen in einer Bambushütte im Fischerdorf von Ngapali.

Am Abend des 5. Januar tritt sie mir sogar entgegen: im Fernsehgerät im ehemaligen Staats- und Kolonialhotel Tande in Bagan, am trägen Ufer des Irrawaddy. Im BBC erklärt die einst mit einem Engländer verheiratete „Lady“: „Ich vertraue Präsident Thein Sein - aber noch nicht der Regierung.“
Damit spricht die Frau, die das Symbol des burmesischen Widerstandes ist, wohl das Gefühl des Volkes aus. Inzwischen ist die Partei der lang Verfemten, ja ist sogar ihre persönliche Kandidatur zu den Nachwahlen am 1. April zugelassen. Dann werden 48 von 485 Abgeordneten neu gewählt. Und es ist schon jetzt klar, dass der amtierende Präsident der oppositionellen Lady einen respektablen, symbolischen Posten in der Regierung anbieten wird.
„Es wird“, sagt Thant Myint-U, „etwas im sozialpolitischen Bereich sein. Wirtschaft ist nicht ihre Sache.“ In der Tat hatte die bis heute ungebrochen beliebte Tochter des früh ermordeten Staatsgründers über zwanzig Jahre lang eisern den Wirtschaftsboykott des Westens gegen Burma befürwortet. Der mag in den ersten zwei, drei Jahren richtig gewesen sein, als man noch hoffte, nach dem Vorbild Südafrikas das burmesische Militärregime in die Knie zwingen zu können. Danach jedoch waren die Folgen des Boykotts fatal, vor allem für das Volk. Das wurde immer ärmer, während sich die Cliquen um die Generäle bereicherten.
Vor allem aber trieb der Westboykott Burma in die Arme seines mächtigen Nachbarn. Heute hält China das Land in einer wirtschaftlichen Umklammerung. Der große Bruder durchschneidet Burma mit einer Gas/Öl-Pipeline, er überzieht es mit Häusern in seinem krude-klotzigen China-Style und mit Plastikwaren, die das traditionsreiche burmesische Handwerk verdrängen. Eine unterschwellig antichinesische Stimmung macht sich breit. Doch ihrer Lady scheinen diese bei aller Liebenswürdigkeit zur fröhlichen Schadenfreude neigenden Burmesen die Befürwortung des Boykotts bis heute nicht übelzunehmen.
Vermutlich verstehen zurzeit nur wenige so viel von Burma wie Thant Myint-U, 46, Enkel des früheren UN-Generalsekretärs U Thant, Berater zahlreicher NGOs und Autor kenntnisreicher Bücher über Burma. An diesem Januarmorgen sitze ich mit Thant („Nennen Sie mich Thant“) im Café des Flughafens von Rangun. Der ist im neuen Glitzerstil mit seinen aktuell nur vier betriebenen Gates mächtig auf Zuwachs angelegt. Nur von einem „Café“ kann nicht die Rede sein. Es handelt sich um drei Tische in der Katzenecke der Eingangshalle.
In diesen ersten zwei Wochen des Jahres 2012 passiert in Burma mehr als in den vergangenen zwanzig Jahren. Westliche Außenminister geben sich die Klinke in die Hand, Hunderte von politischen Gefangenen werden entlassen. Und Aung San Suu Kyi eröffnet in Rangun ein „Friedensfilmfestival“, auf dem ein burmesischer Kurzfilm, der die Zensur ironisiert, den 1. Preis bekommt. Die Medien berichten. Sie werden nicht mehr zensiert, heißt es.

Doch es gibt noch Probleme. „Die größten sind das fehlende Knowhow und die Abwesenheit von Strukturen“, sagt Thant. Die schimmernden goldenen Pagoden und Buddhas sind allgegenwärtig, ich habe mich noch nie so sicher gefühlt in einem Land. Ein vergessenes Portemonnaie wird einem hinterhergetragen. Und als ich einmal nach einer Woche an den Flughafen von Rangun zurückkehrte, übergaben sie mir strahlend das dort liegengelassene Buch. Doch: Es gibt kein Rechtswesen. Es gibt kein Gesundheitswesen. Es gibt kein Bildungswesen. Es existiert kein Durchblick in ökonomischen Fragen, nur Naivität oder Raffgier. Diese Öffnung, die mit Siebenmeilenstiefeln vorangeht, birgt auch Gefahren. Große Gefahren. Auch die Sextouristen sind schon ante portas. Burma ist jetzt also bitter angewiesen auf Menschen, die es ernst und gut meinen. Und die sind rar.
Thant ist in New York geboren. Jüngere Burmesen wie er mit Welterfahrung und Liebe zu ihrem Land könnten eine Chance für Burma sein. Was Thant am meisten enerviert, ist das im Westen so verbreitete Schwarzweißdenken über Burma. Das kommt ursprünglich, erklärt er, vor allem von den amerikanischen Menschenrechtsgruppen, die sich für ihre Ideale mehr interessieren als für die Realität. „Was Burma jetzt braucht, sind keine großen Töne, sondern ist eine Politik der kleinen Schritte. Dafür ist Präsident Thein Sein der Richtige. Er ist einer der wenigen Generäle der alten Garde, die nicht korrupt sind. Er will den Fortschritt. Sein größtes Problem sind die ethnischen Konflikte.“
Diese ethnischen Konflikte schwelen seit Ende der Kolonialzeit. Burma ist als Zentralstaat ein künstliches Produkt der Kolonialherren. Das Auseinanderfallen dieses Konglomerats wäre eine Katastrophe für alle, ähnlich wie Jugoslawien. Nicht zufällig beschwor Präsident Thein Sein in der Ausgabe von „The New Light of Myanmar“ vom 4. Januar, dem Tag der nationalen Unabhängigkeit, vor allem die „nationale Einheit“. Sollte die nicht gelingen, scheitert alles.
Übrigens: Laut „The New Light of Myanmar“ ist der deutsche Bundespräsident am Unabhängigkeitstag der erste westliche Gratulant. Die Deutschen sind beliebt in Burma. Während Wulff an der Spree eine schlechte Figur abgibt, macht er bella figura am Irrawaddy. Befragt, wer jetzt auf dem internationalen Parkett wichtig sei für seine Heimat, antwortet Thant Myint-U dasselbe, was alle Wohlinformierten in diesen Wochen sagen: 1. China, 2. Thailand, 3. Indien, 4. Singapur. Und der Westen? „Spielt keine Rolle mehr.“
Das wollen allerdings nicht alle im Westen hinnehmen. Als Erste kam im Dezember 2011 Hillary Clinton und schüttelte zunächst Aung San Suu Kyi und dann Thein Sein die Hand. Bei ihrem im burmesischen Fernsehen ausgestrahlten Interview trug die Hosenanzugfrau einfühlsam mal eine asiatisch geschnittene hochgeknöpfte Jacke mit Stehkragen, mal eine Rüschenbluse mit Perlenkette. Auf Clinton folgte Anfang Januar der englische, dann der französische Außenminister. Beide wollen ihre Deutungshoheit in der Region nicht verlieren; die Briten als Ex-Kolonialherren, die Franzosen als Herren von nebenan, von „L’Indochine“. Gerade lockerten die Vereinigten Staaten die Sanktionen. Und in der EU läuft der gemeinsam beschlossene Boykott im April 2012 aus.
Und die Deutschen? „Wir fliegen hier mit unserer Unterstützung der NGOs und einiger Projekte unter dem Radarschirm“, sagt Botschafter Christian-Ludwig Weber-Lortsch. Er ist mit einer Vietnamesin verheiratet und kennt sich aus in der Region. Nach den drei Außenministern könnte Deutschland nur noch mit der Kanzlerin persönlich toppen, heißt es in diplomatischen Kreisen. „Das wäre geopolitisch sexy“, feixt ein Franzose. Aber Angela Merkel ist nicht in Sicht. Stattdessen kam Entwicklungshilfeminister Niebel.
Nun ist es aber gefallen, das Schlüsselwort: geopolitisch. Und das ist vielleicht für den Westen von viel größerer Bedeutung als der zu erobernde Markt von Burma und die zu exportierenden Rohstoffe. Burma teilt eine 2000-Kilometer-Grenze mit China. Und die Ex-Diktatur der pseudosozialistischen Generäle ist - wie Syrien - eines der letzten Länder, die eigentlich zum Royaume des alten Ostblocks gehören und die der Westen nur zu gern auf seine Seite ziehen würde. Nicht zuletzt wegen ihrer Nähe zu konkurrierenden Großmächten.
95 Prozent der Menschen in Burma ahnen von alledem nichts. Sie sind als Bauern auf dem Land oder erste sichtbare Obdachlose in den Städten kaum informiert. Das Volk, in dem die meisten Frauen und Kinder ihre Gesichter noch alltäglich mit dem weißen Tanaka bemalen und die Männer Wickelröcke tragen, dieses Volk sieht jetzt im Fernsehen nicht mehr die unbeholfenen burmesischen Nachrichten mit einem Volkeshände schüttelnden Präsidenten und sanft lächelnden Moderatorinnen. Es sieht verführerische Bilder: Frauen und Männer in amerikanischen oder indischen Soaps, die ganz anders aussehen und handeln als sie. Das war der Vorteil der Isolation: Burma, dieses Land mit seinen offenen und liebenswürdigen Menschen, seiner grandiosen Natur und seiner allgegenwärtigen buddhistischen Kultur, hat bis heute seine Eigenheit bewahren können. Wie lange noch?

Freitagabend, Happy Hour. Wir sitzen in der Bar vom Strand, einst das mondänste Hotel Asiens im Zentrum der in den zwanziger und dreißiger Jahren aufregendsten und intellektuellsten Stadt des Kontinents: Rangun. Dann gingen für Jahrzehnte die Lichter aus. An diesem Freitagabend in der Bar vom Strand schimmern viele Lichter. Es ist eine Bar, wie es sie nur in Metropolen gibt, mit einem coolen Barmann, den ich seit zwölf Jahren kenne. Wir saßen in den vergangenen Jahren schon oft allein hier. Doch heute ist der Laden voll. Aber das Restaurant des edlen Strand ist leer. Und das, obwohl seine Preise moderater sind als die in den für die neureichen Burmesen und ausländischen Geschäftsleute neu eröffneten Luxusrestaurants.
Das Strand liegt an der Strand Road, der Hafenmeile, die aussieht wie nach einem Bombenangriff und vor nicht allzu langer Zeit noch zur Strandpromenade ausgebaut werden sollte. Nun soll es eine vielspurige Schnellstraße für den Hafen werden. Damit der Abtransport der burmesischen Rohstoffe - Teakholz, Gold, Rubine, Kupfer und Seltene Erden - von den internationalen Konzernen noch schneller durchgezogen werden kann. Ganz wie einst bei den Engländern. Zwischen zwei Manhattan frage ich den Barmann, was er denn so erwartet in den nächsten Monaten und Jahren. Er lächelt mich diplomatisch an, wie alle Barmänner der Welt, und sagt: „Wir werden sehen. Wir hoffen ...“ - und lächelt. Noch sind die Burmesen es nicht gewohnt, offen zu sprechen.
Alice Schwarzer, 16.2.2012 - Der Text wurde zuerst in der FAZ veröffentlicht.
Fotos: Bettina Flitner
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