EMMA November/Dezember 2004

Ehre & Häme

Wohl nie in der 103-jährigen Geschichte des Nobelpreises für Literatur ist dem/der PreisträgerIn eine solche Häme, ein solcher Hass entgegengeschlagen wie jetzt Elfriede Jelinek. Und selten ist die Bedeutung und Aktualität eines Werkes so drastisch bestätigt worden.

Zahlreiche der maßgebenden Herren auf der Buchmesse und ihre Allzeit-zu-Diensten-Damen gerieten regelrecht aus der Fassung. Von einem "gewaltigen Fehlurteil" war die Rede und dem "längst überholten Altfeminismus" der Jelinek. "Das literarische Talent der Elfriede Jelinek" sei, "um es vorsichtig auszudrücken, eher bescheiden", tönte Marcel Reich-Ranicki. Denn "ein guter Roman ist ihr nie gelungen, beinahe alle sind mehr oder weniger banal oder oberflächlich". Spiegel-Autor Matthias Matussek, bisher weniger bekannt als Literaturkritiker und eher als emanzipationsgeschädigter (weil verlassener) Hysteriker vom Dienst, darf sich gar über vier Heftseiten auslassen über die "schwer verdaulichen Sadomaso-Schinken und den umso geläufigeren Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus". Für ihn ist dieser Preis ein "Quotenurteil", mit dem "nicht die Avantgarde", sondern "eine ziemlich abgelatschte Feminismus-Front" prämiert werde. Die am Anfang noch "interessante" Jelinek habe sich spätestens mit ihrem Roman "Lust" (1988) "eingeklinkt in den EMMA-Diskurs".

Wer also geglaubt hat, Jelinek sei nach einem Vierteljahrhundert Schreiben und einer Flut von Preisen längst eine Klassikerin, wird also hier eines besseren belehrt. Ihre Wahrheiten scheinen so kastrierend zu wirken, dass die Burschis nur noch mit ihrem besten Stück in die Tasten hauen.

Ganz anders tönt das Nobelpreiskomitee: "Der Nobelpreis für Literatur des Jahres 2004 wird der Österreicherin Elfriede Jelinek verliehen für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen." In "Lust" beschreibe sie "die sexuelle Gewalt gegen Frauen als Grundmuster unserer Kultur". Ihre literarische "Welt ohne Gnade" konfrontiere die LeserInnen damit, wie "die Klischees der Unterhaltungsindustrie ihren Einzug in das Bewusstsein der Menschen halten und ihren Widerstand gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit und geschlechtliche Unterdrückung lähmen."

Soweit die präzise Würdigung. Die Schmähungen der Ewiggestrigen allerdings haben mal wieder das zu Erwartende untertroffen. Da nutzt es Jelinek auch wenig, wenn sie schon in vorauseilender Demut erklärt, Peter Handke hätte den Preis "viel mehr verdient" als sie. Und schon gar nicht, dass sie es schon vorher wusste: "Wenn man den Preis als Frau bekommt, dann kriegt man ihn auch als Frau - und kann sich nicht uneingeschränkt darüber freuen."

Der weibliche Mensch kann aus dem Frausein nicht austreten. Doch muss er sich die Freude über den Nobelpreis gleich ganz vermiesen lassen? Jelineks erster Kommentar am 7. Oktober um 13 Uhr lautete: "Natürlich freue ich mich auch, da hat es keinen Sinn zu heucheln. Aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude. Ich eigne mich nicht dafür, als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Da fühle ich mich bedroht." Zu recht, wie wir sehen.

Das Gespräch mit Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1989 habe ich nach Erscheinen von "Lust", ihrem " Antiporno in öbszönem Idiom", geführt. Das meiste würde sie wohl heute genauso sagen. Einen entscheidenden Einschnitt allerdings hat es seither in ihrem Leben gegeben. Sie entdeckte, dass auch die eigene Familie keineswegs verschont geblieben ist vom Holocaust (wie sie es noch im Gespräch mit mir vermutete), sondern 17 Verwandte ermordet wurden (und schrieb den Roman "Die Kinder der Toten").

Alice Schwarzer, EMMA November/Dezember 2004

Weiterlesen: 
Das Gespräch mit Elfriede Jelinek 1989

  • Lebenslauf - Vorwort
  • Ohne Feminismus kein Frauenfußball!
  • Mercator-Vorlesung
  • Über Islamismus, Integration & Schamtücher
  • Der Fall Kachelmann
  • Cicero: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Zeit-Magazin: Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Über Frauen und die Welt
  • Der Spiegel 15.11.04
  • Spiegel online Interview Prostitution
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Corine-Preis für Necla Kelek
  • Dankesrede Necla Kelek
  • Feminismus-Debatte
  • Kernthemen
  • Archiv
    • Visa-Affäre
    • Der Fall Friedmann
    • Nobelpreis Jelinek
    • Der Fall Ludin
    • Marlene Dietrich

 

Die Autobiografie

 

Vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag EMMA. In großer Offenheit erzählt Alice Schwarzer ihren "Lebenslauf". Über ihre Kindheit & Jugend; über Arbeit, Liebe & Politik.

Jetzt das Buch im EMMA-Shop bestellen: 22.99 Euro. Frei Haus

weitere Publikationen

 

Lesungen zum "Lebenslauf" 2012

 

23.2. Leipzig, Hauptbahnhof/Hist. Speisesaal. 24.2. Dresden, Hauptbibliothek. 9.3. Duisburg, Zentralbibliothek. 23.4. Darmstadt, Centralstation. 24.4. Heidelberg, Neue Aula. 25.4. Tübingen, Kreissparkasse.

alle Termine

 

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

im EMMA-Shop kaufen

Cover der aktuellen EMMA-Ausgabe

EMMA zum Kennenlernen!

3 Ausgaben für 10 € (statt 19,60 €). Jetzt bestellen!

EMMAonline!

Nach dem Relaunch jetzt tagesaktuell!
zu EMMAonline

Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.