Alice Schwarzer - Foto: Bettina Flitner
Alice Schwarzer - Foto: Bettina Flitner

Wieder mal zurück auf Null?

Im November habe ich mit Leymah Gbowee ein öffentliches Gespräch geführt. Gbowee hat Unvorstellbares überlebt: Gewalt auf der Straße und Gewalt im Haus; vier im Bürgerkrieg hungernde Kinder; vom Krieg zerstörte Männer und Frauen; Aggressionen aus den eigenen Reihen – aber auch Förderung: mal durch den Vater, mal durch die Mutter, mal durch schwarze Männer oder weiße Frauen. Und sie hat auch Unvorstellbares geschafft: Ihr Einsatz war entscheidend für Liberias Frauen-Friedensbewegung, die letztendlich den Sturz des Diktators Taylor auslöste und Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf an die Macht brachte. Dafür bekamen die beiden Frauen 2011 zusammen den Friedensnobelpreis.

In Gbowees Autobiografie hat mich vieles bewegt, aber nichts so berührt wie ihr Satz: „Wir Frauen haben doch alle zwei Brüste und eine Vagina.“

Diesen Schlüsselsatz habe ich an dem Abend auf offener Bühne zitiert – und die überwiegend gutbürgerlichen 800 Menschen im Saal erstarrten für einen Augenblick. Sie hatten so viel Ungeheuerliches gehört in den letzten zwei Stunden über den verratenen und vergessenen Kontinent Afrika, aber das, das schien ihnen das Ungeheuerlichste.

In der ersten Reihe saß eine Dame der Gesellschaft, blond, gutaussehend, gezeichnet von den Spuren des Lebens (eines Lebens als Hausfrau mit vier Kindern, wie ich später erfuhr). Zu Beginn des Abends war sie mir betont kühl begegnet, aber jetzt. Bei einem Glas Wein im Foyer steuerte sie auf mich zu und sagte, scheinbar leicht beschwipst: „Dass Sie gewagt haben, das zu sagen. Zunächst dachte ich … Aber dann. Sie haben ja recht!“ Ob die Frau am nächsten Morgen noch an den Satz gedacht hat? So wie ich. Oder ob sie ihn schon wieder verdrängt hatte?

Ja, auch die liberianische Friedenskämpferin hat den Krieg nicht nur draußen, sondern auch zuhause erlebt. Auch sie, die einen brillanten Schulabschluss gemacht hatte und gerade auf dem Weg in die Universität war – da brach der Bürgerkrieg über sie herein –, hat sich jahrelang von ihrem Mann als „dummes Huhn“ beschimpfen und gegen ihren Willen schwängern lassen. Doch eines Tages brach ihr Stolz sich Bahn. Und zwar in dem Moment, als er soweit ging, sie auch noch öffentlich zu demütigen. Leymah machte sich auf den Weg.

Wir haben alle zwei Brüste und eine Vagina. Als ich Mitte der 1970er Jahre den „Kleinen Unterschied“ schrieb, hatte ich mit Bedacht bei der Auswahl meiner exemplarischen, möglichst repräsentativen Fälle darauf geachtet, dass die Frauen, mit denen ich sprach, vom Land kamen wie aus der Stadt, aus Berlin wie aus München. Denn ich wollte, dass möglichst viele Frauen in diesem Land sich in dem Buch wiedererkennen. Was passiert ist. Mein Buch über die Rolle von Liebe & Sexualität im Leben einer Frau und in ihrer Beziehung zu Männern wurde ein Bestseller, Longseller. Bis heute.

Mehr noch: „Der kleine Unterschied“ erschien in neun Sprachen. In Japan verschlangen die Frauen das Buch ebenso wie in Brasilien. Hätte man mir das vorher prophezeit, ich hätte es für unmöglich gehalten. Doch als ich 1980 in Griechenland war – „Der kleine Unterschied“ war das erste feministische Buch, das dort nach der Militärdiktatur übersetzt worden war – da sprach mich bei einem weinseligen Essen mit Frauen eine Soziologin an und sagte: „Ich muss dir etwas erzählen, Alice. Ich arbeite auf Zypern mit Fischer-Frauen. Wir haben den ‚Kleinen Unterschied‘ gelesen und treffen uns nun jeden Dienstagabend, um darüber zu reden. Dabei sind die Nummern der Fälle in dem Buch der Code der Frauen. Sie sagen: ‚Ich bin Fall drei …‘, ‚Ich bin Fall zehn …‘ Erst da begriff ich endgültig: Das Problem von Frauen mit Liebe & Sexualität ist universell.

Alle Frauen können gedemütigt werden, nur weil sie Frauen sind. Alle Frauen können abhängig werden in der Liebe. Alle Frauen können zum Objekt degradiert werden. Alle Frauen können vergewaltigt werden. Alle Frauen können aus Frauenhass getötet werden.

Und genau das: Unser über alle Klassen, Hautfarben und Religionen hinwegreichendes Frausein ist der Kerngedanke des Feminismus. Dieses WIR, das wir Frauen alle kennen, wenn wir uns in die Augen sehen. Wir können es verdrängen. Oder leugnen. Aber in Wahrheit wissen wir alle Bescheid.

Doch wir gestehen es uns ein oder nicht. Dieses Eingeständnis ist der erste Schritt zum Feminismus. Die Leugnung kann viele Formen annehmen. Von „Mich betrifft das nicht“ bis zu „Es gibt wichtigere Probleme auf der Welt“. Ja, es gibt viele Probleme auf der Welt, sehr viele, aber für eine Frau gibt es kein wichtigeres, sondern nur ebenfalls wichtige. Das ist die zentrale Erkenntnis des Feminismus.

Die quasi in die Wiege gelegte strukturelle Ungleichheit zwischen Mann und Frau kann durch eine individuell gleichberechtigte Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann zwar relativiert, aber nicht aufgehoben werden. Die gesellschaftliche Ungleichheit kommt dennoch zum Tragen. Der Geschlechterwiderspruch ist eben das Grundraster, auf dem alle anderen Ungleichheiten aufbauen. Erst wenn dieses Fundament der Ungleichheit wirklich erschüttert würde, brächen auch die anderen Widersprüche zusammen wie ein Kartenhaus.

Schon die historische deutsche Frauenbewegung war auf ihrem Höhepunkt 1914 mit dem Argument geköpft worden: Es gibt Wichtigeres als die Frauenfrage, nämlich den Krieg (Dabei ist gerade der ein Auswuchs des Männlichkeitswahns, nicht selten mitbefeuert von Frauen). Und als die Neue Frauenbewegung Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre antrat, da gab es wieder Wichtigeres: nämlich die Klassenfrage. „Hauptwiderspruch“ und „Nebenwiderspruch“ hieß das im Vokabular der GenossInnen. Und wenn eine es wagte, das Wort „Frauen“ auszusprechen, bevor sie nicht mindestens dreimal rituell den Klassenkampf beschworen hatte – dann war sie eine „reaktionäre Bürgerliche“ bzw. „Kleinbürgerin“.

Vierzig Jahre später ist es in Deutschland mal wieder soweit. Zumindest im akademischen, sich als links verstehenden Feminismus, der allerdings an den Unis Hochkonjunktur feiert. Da gibt es wieder mal Wichtigeres als den Kampf gegen den Sexismus, nämlich: den Antirassismus. Und laut dieser Debatte haben alle „People of Colour“ und ihre Gefolgsleute erst mal recht – und alle Weißen unrecht. Vor allem die „privilegierten weißen Mittelstandsfrauen“, wie die, die in der Berliner Bloggerinnen-Szene zurzeit unter dem Diktat von Sektiererinnen kuschen.

Bei genauerem Hinsehen geht es allerdings bei dieser Affäre rund um den „Slutwalk“ und die „Mädchenmannschaft“ gar nicht um Rassismus – sondern um Islamismus. Ich kenne das auch aus eigenem bitterem Erleben: Jegliche Kritik am Islamismus – nicht Islam, das ist die Religion, Islamismus aber ist der Missbrauch des Glaubens für politische Machtstrategien – wird seit nun mehr 30 Jahren in Deutschland, und vermutlicht nicht nur da, im Keim erstickt durch den Vorwurf: Rassismus!

Dabei ist es nicht ohne Komik, dass ausgerechnet der Islamismus, diese neue Variante des Faschismus, mit Argumenten von links verteidigt und verklärt wird. Aber das wissen wir ja schon lange, dass die Extreme sich berühren: Es gab bereits Bündnisse zwischen Links- und Rechtsextremen, ebenso wie zwischen Islamisten und Links- bzw. Rechtsaußen. Und LagerwechslerInnen sind eh an der Tagesordnung.

Soweit, so bedenklich. Nur eines sollten wir Feministinnen nicht länger zulassen: Dass so argumentiert wird im Namen des Feminismus!

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Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen (Fischer, 1975, 9.95 €). Im EMMA-Shop kaufen

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