In der aktuellen EMMA

40 Jahre EMMA: Die 330. Ausgabe!

Foto: Bettina Flitner
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Sie halten EMMA für eine Klassikerin? Kurz vor dem Geschichtsbuch? Weit gefehlt. Denn die lockeren Zeiten des Post-Feminismus sind vorbei. Spätestens seit der Trump-Wahl ist wieder Feminismus pur angesagt. Wieviel Mut es für den auch im Jahr 2016 noch braucht, zeigt der Fall der 26-jährigen Ellen Hanisch. EMMA? Die blätterte Ellen zunächst nur verstohlen in der Bücherei hinter dem Regal. Warum? Weil EMMA, das weiß doch jedeR, eine „Männerfeindin“ und „von gestern“ ist – und neuerdings auch noch „Rassistin“ dazu.

EMMA beugt sich weder dem Mainstream noch der Political Correctness

Doch in Zeiten, die Frauen nur die ­Alternative zwischen Entblößung und Verhüllung zu bieten scheinen, sind solche Klischees von gestern. Sie sind übrigens auch keineswegs ein Missverständnis, sie sind Strategie. Abschreckungsstrategie. Zugegeben, das hat uns das Leben nicht immer leichter gemacht. Aber es konnte uns auch nicht einschüchtern. Und unsere LeserInnen schon gar nicht, wie ihre lebensprallen, mutigen Briefe in dieser Ausgabe zeigen. Diese LeserInnen beweisen uns, dass EMMA auf dem richtigen Weg ist, wenn sie sich weder dem Mainstream noch der Political Correctness beugt.

Für uns EMMAs ist das EMMA-Machen ein permanentes Abenteuer. Heft für Heft 116 Seiten – und die totale Freiheit, zu denken und zu schreiben, was die Redaktion relevant findet. Kein Konzern, kein Kalkül, keine Anzeigengeber, die reinreden. Einzig und allein die Lust am Zeitschriftenmachen, der Spaß an der Kommunikation mit den LeserInnen und der Gesellschaft sowie die Hoffnung auf Aufklärung und eine auch für Frauen gerechtere Welt.

Ich will den Mund nicht zu voll nehmen – doch mir scheint, EMMA könnte heute die einzige Publikumszeitschrift auf der Welt sein, die noch so funktioniert. Und das wird auch so bleiben. Denn viele Anzeigen hatte EMMA noch nie (trotz nie nachlassender Bemühungen). Also stammen 90 Prozent aller Einnahmen aus dem Verkauf des Heftes – womit EMMA bisher existieren kann, schuldenfrei. Solange die LeserInnen wollen, wird es also EMMA geben – denn die Erfüllung unseres Anliegens ist, trotz gewaltiger Fortschritte, heute weniger in Sicht als noch vor zehn Jahren. Wir leben in einer Periode der ­Rück­schläge.

Hätte mir vor 40 Jahren jemand gesagt, dass ich EMMA noch im Jahre 2017 machen würde – ich hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Den beim Start im Herbst 1976 hatte ich keinesfalls die Absicht, Verlegerin zu werden, ja noch nicht einmal Chefredakteurin. Ich wollte einfach nur dazu beitragen, dass in Deutschland eine unabhängige, öffentliche Stimme von und für Frauen existiert. Denn wir engagierten Journalistinnen hatten in den bewegten 70er Jahren die Erfahrung machen müssen, dass die so genannten „Frauenthemen“ plötzlich Männersache wurden – und nicht selten gar nicht oder nur klischeehaft berichtet wurden. Was sich seither etwas, aber nicht wesentlich geändert hat.

Ich war 33 Jahre alt, aber bereits eine erfahrene Journalistin: als Volontärin bei den Düsseldorfer Nachrichten, Reporterin bei Pardon und freie politische ­Korres­pondentin in Paris für Print, Funk und Fernsehen. Ab 1971, mit dem Beginn der Frauenbewegung, in der ich zunächst in Paris engagiert war, hatte ich in Deutschland meine ersten drei Bücher veröffentlicht; zuletzt 1975 den feministischen Bestseller „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“.

Feministischer Widerstand ist (über)lebens-
wichtig

250.000 Mark lagen nun auf meinem Konto. Mir schien das schwindelerregend viel, in den Augen von Verlagsprofis jedoch war es lächerlich wenig. Es war noch nicht einmal ein Zwanzigstel der Summe, die Profis für das Minimum zum Start einer neuen Zeitschrift hielten. Doch mein Kapital war schon zu der Zeit weniger das Geld, sondern vor allem mein Name: Nach dem spektakulären TV-Streitgespräch mit Esther Vilar im Frühling 1975 und dem Erscheinen vom „Kleinen Unterschied“ im darauf folgenden Herbst, stand mein Name für die Sache. Für die Sache der Frauen. Die von mir angekündigte EMMA wurde also mit Spannung erwartet.

Dies ist nun die 330. Ausgabe von EMMA, das sind alles in allem 29.068 Seiten in 40 Jahren. Für ein Magazin, das noch nie in seiner Geschichte auch nur einen Pfennig bzw. Cent für Werbung hatte, ist das beachtlich. EMMA ist also nicht nur geschlechterpolitisch, sondern auch medienpolitisch gesehen eine Pionierleistung. Sie ist meines Wissens in Deutschland nach 1945 die einzige Zeitschriftengründung durch eine (quasi) mittellose JournalistIn, unabhängig von Lizenzgebern, Konzernen, Werbung oder Politik; die einzige, die keine „Zielgruppen“ für das Anzeigengeschäft im Visier hatte, sondern die LeserInnen.
Von Anfang an war EMMA allerdings mehr als eine Zeitschrift. Sie ist für so manche ihrer Leserinnen auch beste Freundin („Seit ich EMMA lese, bin ich nicht mehr allein mit meinen Ansichten.“), und eine Art nationales ­Frauen­büro. Jeder zweite Anruf in der EMMA-Redaktion ist eine Bitte um Information, Rat oder Hilfe.

EMMA war in den 40 Jahren bei vielen Themen, die inzwischen selbstverständlich scheinen, Schrittmacherin – und sie bleibt es. Oft hat EMMA als erste das Schweigen gebrochen, hat Jahre, ja Jahrzehnte vor den anderen berichtet – und dadurch letztendlich auch die übrigen Medien genötigt, die Tabus zum Thema zu machen.

Zuletzt war das der Fall nach Silvester in Köln, als wir die Übergriffe als gezielte Demütigungen von Frauen analysierten. Noch immer ist die Wahrheit nicht ganz auf dem Tisch. Doch EMMA hat sich nicht den Mund verbieten lassen und den Schulterschluss gesucht mit den verzweifelten Frauenrechtlerinnen in den islamischen Ländern.

Von Anbeginn an und sehr bewusst hat EMMA auch die Berichterstattung über „Vorbilder“ gepflegt. Frauen, die Mut machen. Das war in der frühen Frauenbewegung gar nicht so angesagt. Da verdeckte das Kollektiv das Individuum, sagten die Frauen „Wir“ – noch bevor sie gelernt hatten, „Ich“ zu sagen. Doch Menschen brauchen Vorbilder – und Frauen haben viel zu wenige.

Heute wird EMMA von einem echten Team gemacht. Dass ich mit EMMA nicht allein dastehe, war nicht immer selbstverständlich. Angefangen hatte es eher im – ungewollten – Alleingang, auch wenn ich das selbst zunächst nicht wahrhaben wollte. Eigentlich ist es ein Wunder, dass EMMA in all den Jahrzehnten alle Klippen überstanden hat: die feministischen, verlegerischen und politischen. Denn angefangen hatte es reichlich naiv.

Im Frühling 1976 schickte ich einen Rundbrief an alle Frauenzentren, in dem ich die EMMA-Gründung ankündigte und Frauen suchte, die mitmachen („An alle Kolleginnen – bitte weitergeben“). Da war mir noch nicht ganz klar, dass nicht alle Frauen Schwestern sind …

Auf dem ersten EMMA-Titel sind vier Frauen abgebildet, doch das versprach mehr, als es hielt. Denn wir vier waren: eine frisch umgeschulte Sekretärin, zwei anderwärts als Redakteurinnen festangestellte freie Mitarbeiterinnen und ich. Klar, dass ich in den ersten Monaten, ja Jahren, Tag und Nacht in der Redaktion hockte, damit EMMA pünktlich erscheinen konnte. Oft saß ich da alleine bis in die späte Nacht. Denn der Gegenwind war scharf – und nicht jederfraus Sache.

Bereits gewonnenes Terrain muss neu verteidigt werden

Als EMMA am 26. Januar 1977 zum ersten Mal erschien, unterschied sie sich von alternativen Blättern aus der Frauenbewegung, wie Courage oder die Frauen­zeitung, nicht nur manchmal durch andere politische Standpunkte, sondern auch durch ihre Professionalität und die Absicht, nicht etwa ein Blatt für die Frauenbewegung zu machen, sondern eine Zeitschrift für alle Frauen. Dass dies gelungen ist, zeigen auch die Briefe in dieser ­Aus­gabe.

EMMAs Leserinnen sind jung und alt, Mutter oder keine, bewusst oder gerade dazugestoßen. Sie lieben Männer (80 Prozent) oder/und Frauen (15 Prozent). Sie wollen die Welt auf den Kopf stellen – oder nur ein bisschen besser machen. Und sie sind laut Leserinnenanalyse die jüngsten Leserinnen aller deutschen Frauenzeitschriften: Knapp jede Vierte ist unter 30, jede Zweite zwischen 30 und 50.

Spätestens nach dem „Gegen-Putsch“ von Erdoğan in der Türkei und der Trump-Wahl in Amerika dürfte nun wieder klar sein: Feministischer Widerstand ist (über) lebenswichtig. Nicht nur für die Länder, in denen Frauen gänzlich rechtlos sind bis zur Unsichtbarkeit, sondern auch in unseren ­relativ privilegierten Breiten. Denn der Fortschritt ist keineswegs gesichert. Bereits gewonnenes Terrain muss täglich neu verteidigt werden. Und auch die Voraussetzungen für Gleichberechtigung auf Augenhöhe – ­soziale Gerechtigkeit und ökonomische ­Unabhängigkeit – müssen ins Zentrum des poli­tischen Willens rücken.

Gehen wir es also mal wieder an. Mit diesem Heft versuchen wir unser ­Bestes. Wie mit jeder Ausgabe.

Alice Schwarzer

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In der aktuellen EMMA

Jetzt reden die EMMAs!

© Bettina Flitner
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Alex Ich war an meinem ersten Arbeitstag am 16. August 2010 total aufgeregt. Ich kam ja nicht so aus dieser feministischen Szene und dachte: Das fällt bestimmt auf. Und nun hatte ich am ersten Tag einen Kuchen von meiner Oma dabei …

Alle Ohhh, der wunderbare Apfelkuchen von deiner Oma!

Alex Und ich komme also mit meinem Kuchen rein und stelle den in der Küche ab und höre Anett rufen: „Und das in einer feministischen Redaktion!“

Anett Aber das habe ich doch in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt. Ich habe noch nie was gegen Kuchen gehabt!

Alex Ja, du hattest, glaube ich, über einen ­Leserinnenbrief gestöhnt. Aber damals dachte ich halt: Scheiße, ich hab schon am ersten Tag verkackt.

Anett Ich habe im Jahr 2001 meine Bewerbung selbst abgegeben und an der Tür geklingelt. Und es machte mir tatsächlich eine Frau auf in so Wallewalle-Sachen und mit einem langen Zopf.

Chantal Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte das EMMA-Klischee auch im Kopf und dachte, die laufen da alle in lila Latzhosen rum. Aber ich traf auf eine Gruppe cool angezogener und sehr vergnügter Damen, die gerade mit diversen Gläsern Sekt auf den ­Redaktionsschluss anstießen. Das war 1994.

Margitta Ich trug tatsächlich eine Latzhose. Das war 1982. Die war allerdings rosa!

Alex Es gab echt mal Latzhosen in der EMMA-Redaktion?

Alice Ich habe jedenfalls noch nie in meinem Leben eine getragen. Aber ihr wisst hoffentlich, dass die Latzhose zurzeit der allerletzte Schrei ist? Gerade habe ich eine in Paris bei dem sehr angesagten Yamamoto gesehen. In Schwarz.

Angelika Ich bin, glaube ich, damals, vor 18 Jahren …

Alice Wie bitte? 18 Jahre?

Angelika Ja, Alice, die Zeit vergeht.

(...)

Anett Geht euch das nicht so, dass ihr ständig nach Alice gefragt werdet?

Franziska Doch, seit 40 Jahren!

Angelika Besonders beliebt ist die Frage: Wie ist sie denn so als Chefin?

Chantal Das scheinen ja in den Medien immer alle zu wissen. Dabei haben uns die lieben Kolleginnen und Kollegen in all den Jahrzehnten noch nie selber danach gefragt.

Alex Doch, einmal. Der Unterstöger von der Süddeutschen. Der hat mit uns geredet und uns sogar kurz erwähnt.

Alice Ja, kurz.

Franziska Allein, dass man bei EMMA ist, löst regelrechte Grabenkämpfe aus.

Alex Man kann bis heute jede Party damit sprengen …

(...)

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