Alice Schwarzer: Helle und dunkle Stunde
Heute ist für die Frauen ein heller und ein dunkler Tag gleichzeitig in der deutschen Politik. In Bezug auf die Vergewaltigung widerfährt den Frauen in Deutschland endlich Gerechtigkeit, zumindest auf gesetzgeberischer Ebene. Lange genug hat es gedauert (Mein erster Kommentar für die Reform des Vergewaltigungsparagraphen datiert aus dem Jahr 1981!). Gleichzeitig aber widerfährt den Frauen, die auf der untersten Stufe der Sexualgewalt stehen, den Prostituierten, erneut schweres gesetzgeberisches Unrecht. Doch in Wahrheit betrifft auch das uns alle.
Das System
Sexualgewalt
ist unteilbar
Dem Vergewaltigungsgesetz hat auf den letzten Metern ein Schulterschluss von Politikerinnen aus Union und SPD sowie die breite Unterstützung gesellschaftspolitisch organisierter Frauen zum Sieg verholfen. Dieses Frauenbewusstsein lässt allerdings bei der Prostitution auf sich warten. Ja, es gibt sogar vehemente Befürworterinnen des Pro-Prostitutionsgesetzes, Mittäterinnen. Warum?
Die Frauen, die jetzt für den Schutz vor Vergewaltigung plädieren, tun dies auch für sich selbst. Von der Prostitution jedoch sind sie nicht betroffen, zumindest nicht direkt (Ja, manche profitieren sogar davon: als „Studiobetreiberinnen“ und Zuhälterinnen).
Aber vielleicht können die meisten Frauen sich auch gar nicht erlauben, genauer hinzusehen bei der Prostitution. Weil der eigene Mann bzw. Freund ein Freier ist (was sie als „Partnerinnen“ demütigt oder manchmal vielleicht sogar erleichtert). Weil Freier wie Zuhälter in den Parteien und Politorganisationen neben ihnen sitzen. Weil wir ach so fortschrittlichen Menschen im 21. Jahrhundert mitten unter uns einen Sklavinnenmarkt dulden, der angeblich "freiwillig" ist, aber jeder Beschreibung spottet!
Auch die
privilegierten
Frauen sind
betroffen
Dabei lässt sich das alles in Wahrheit nicht trennen. Das System der Prostitution und das System der Vergewaltigung bedingen sich gegenseitig. Eine Menschensorte, deren Körper und Seele man für ein paar lausige Scheine kaufen kann, die kann man nicht wirklich achten. Die kann man sich auch im Ehebett und Büro oder auf der Straße greifen, wenn man gerade Bock darauf hat oder der Schlampe einfach gezeigt werden muss, wo der Hammer hängt.
Übrigens, die Vergewaltigungen passieren in genau dieser Reihenfolge: die meisten durch den eigenen Freund und Ehemann bzw. Nahtäter, nur jede dritte anonym auf der Straße. Die größte Gefahr geht also immer noch vom Mann im eigenen Bett aus. Was will uns das sagen?
Von der Prostitution aber ist die Internet-Aktivistin, die Karriere-Juristin oder die Politikerin in Deutschland im 21. Jahrhundert kaum direkt betroffen. (Die sich prostituierende Studentin oder Hausfrau gehört eher in den Bereich der Porno-Mythen.) Die Körper, die heute auf dem milliardenschweren Prostitutionsmarkt verschachert werden, sind zu 90 bis 95 Prozent die Körper von Frauen, die noch nie etwas von einem Hashtag oder einer Petition gehört haben und sich auch nicht als "Sexarbeiterinnen" verstehen, sondern einfach nur versuchen zu überleben. Sie können kaum Deutsch und ahnen oft noch nicht einmal, in welchem Bordell, in welcher Stadt sie sich gerade befinden.
Täglich kaufen
Millionen
Männer sich
eine Frau
Das sind nicht wir, die sich da für 30 Euro – inzwischen sinkt der Tarif auf 20 Euro, dank des Zustroms der Flüchtlingsfrauen – in alle Körperöffnungen penetrieren lassen müssen, demütigen, vergewaltigen. Es sind die Anderen, denen das passiert. Es sind Ausländerinnen, Ausgegrenzte, die Ärmsten der Armen. (Wo bleibt da übrigens der Protest der selbsternannten Anti-Rassistinnen?)
Doch wenn es schon nicht das Mitgefühl für die Hunderttausende von Frauen ist, die tagtäglich nebenan von unseren eigenen Männern geschunden werden – dann sollte es wenigstens das Wissen um die Zusammenhänge sein. Das System Sexualgewalt ist nicht teilbar. Derselbe Blick, der sich auf die Prostituierten richtet, trifft auch uns. Da kann unser Vergewaltigungsgesetz noch so gut sein, inklusive „Nein heißt Nein!“ – solange unsere eigenen Liebhaber, Väter, Brüder, Söhne, Freunde über eine Million Mal am Tag gleich nebenan Frauen kaufen, solange sind wir alle in den Augen dieser Männer das willige Geschlecht.
Alice Schwarzer
Alice Schwarzer: Wir nehmen die Kriegserklärung an! (EMMA 9/1981)


Kommentare
Porno und Prostitution fördern die Sexualisierung der Gesellscha
Man sollte die Ursache auch bei den ungehemmten und gesellschaftlich akzeptierten Pornokonsum suchen und den Bedarf von Porno und Prostitution eindämmen. Noch nie war der Zugang so leicht gerade für Heranwachsene. also die zukünftige Freier. Sex kann auch in Sucht ausarten und davor soll man vehement warnen. www.fightthenewdrug.org
Absolute Zustimmung!
Ich kann es nicht anders sagen, als dass ich Alice Schwarzer zu 100% zustimme. Wie lange müssen wir uns in diesem Land eigentlich noch die Münder fuseselig reden, wie oft noch auf das wahre Gesicht der Prositution hinweisen, bis die Klischees aus der Traumwelt verschwinden und der Blick offen für die wirkliche Situation von Tausenden Frauen ist, die hier in Deutschland, unter unseren Augen und vor allem unter den Augen des Staates und der Staatsgewalt die Hölle erleben. Und keiner hilft, fast keiner! Sollen doch die selbsternannten Feministinnen von heute, die die Prostitution wie durch ein stark verfärbtes Wasserglas der Klischees betrachten, mal zu den Frauen gehen, die das Prostitutionsgesetz betrifft. Würde schon mal schwer werden, sich auszutauschen! Wahrscheinlich würde aber vielen bei der wirklichen Begegnung mit dem Elend zwangsprostituierter Frauen ein Licht aufgehen! Ich bin so froh, dass es Alice Schwarzer gibt, die für Frauenrechte eintritt und eine echte Feministin ist!
Habe die Bundestagsdebatte gestern verfolgt...
... und habe - wie immer - Stimmen vermisst, die zum Mythos der Freiwilligkeit etwas sagen. Glauben die Politikerinnen tatsächlich, dass die "freiwilligen" Prostituierten (diejenigen, die tatsächlich ihren Körper und ihre Seele verkaufen, also keine Dominas und Betreiberinnen) alle psychisch gesund sind und einfach nur Spaß am Sex haben? Es gibt mittlerweile etliche Untersuchungen, die zeigen, dass diese Frauen oft in der Kindheit missbraucht oder misshandelt wurden oder sexuelle Gewalt erfahren haben. Eine niedrige oder gar nicht vorhandene Selbstachtung steht meistens hinter der "Freiwilligkeit". Diese Frauen kennen selbstbestimmte Sexualität überhaupt nicht.
Menschenwürde
Prostitution gehört verboten! Bestraft werden müssen die Typen, die glauben für ein paar Euro der Körper einer Frau kaufen zu können, die glauben sie hätten ein Recht darauf"einen wegstecken " zu können. Das ist gegen die Menschenwürde, also gegen das Grundgesetz ( nur mal so nebenbeigesagt. Es ist eines Mannes nicht würdig Sex zu kaufen, es ist einer Frau nicht würdig ihren Körper zu verkaufen - nicht den Körper oder gar die Seele, unmöglich den Geist.
der Mensch ist aber eine Einheit aus Soma, Psyche und Geist
"Dabei geht das Statistische Bundesamt nach einem Bericht von "Welt Online" von 5,475 Milliarden Euro Umsatz in Bordellen, 2,738 Milliarden Euro in der Straßenprostitution, 3,65 Milliarden Euro bei Hostessen-Diensten und 2,738 Milliarden Euro für sonstige Prostitution aus." Zitat w.w.w
Da war also jeder x.? Mann also n-mal Freier. Ich gehe durch meine Stadt, sehe in die Gesichter und frage mich: der ? ne, der? oder der ?? Und mich graust'.
Wo bleiben die Grünen und linken Ausländerfreunde?
Vor dem Hintergrund, dass es sich inzwischen bei den weitaus meisten Armuts- und Zwangsprostituierten in Deutschland um Frauen aus dem Ausland handelt, ist es um so erstaunlicher, dass gerade diejenigen, die "Rassismus" schreien, wenn ausländische (männliche!) Täter als Täter bezeichnet werden, wie nach den Kölner Sylvester-Übergriffen, gar nichts dagegen haben, wenn ausländische (weibliche) Prostituierte misshandelt, vergewaltigt und ausgebeutet werden. Was lernen wir daraus? Dass nichtdeutsche Männer um jeden Preis geschützt und selbst bei Straftaten vor jeglicher angeblich rassistischer Verfolgung bewahrt werden müssen, während nichtdeutsche Frauen doch bitteschön zu Dumpingpreisen an den Straßen und in den Bordellen zu oft unmenschlichen Bedingungen den deutschen Männern zur Befriedigung ihrer Triebe zur Verfügung zu stehen haben?
@Happy:
Ich hatte eigentlich gestern einen schönen Abend mit meinen Freunden. Da waren einige nicht deutsch. Wenn ich dann "Wo bleiben die Grünen und linken Ausländerfreunde" in ihrer Überschrift lese, dann muss ich ... sorry ... kotzen, egal wie sinnvoll ihr Beitrag, der kommen mag noch sein wird. Ich haben wirklich Angst um Deutschland, wenn ich solcher Leute Meinung lese ...
Willige Geschlecht?
Die Ingnoranz der gehobenen Frauen gegen die willkürliche Gewalt der Männer gegenüber armen (nicht genetisch degenerierten!) Frauen zeigt ihre Hilflosigkeit und ihren eigenen Überlebenstrieb. Dass dieses Verhalten im Endeffekt ihre weitere fortwährende Entrechtung ist, kann man beispielsweise in den Religionen , hier im Christentum, sehen. Schon im westlichen Heiligen Römischen Weltreich hat man arme Frauen und Waisenkinder als Zwangsprostituierte benutzt, weil sie hilflos sind und kaum Fürsprecher haben. Das Patriachat ist primitv aufgebaut, denn dazu gehört kein besonderes Können: Jeder geistig Behinderte kann sich an ein kleines Mädchen, das sogar hochbegabt ist, vergreifen und es vergewaltigen! Nun besiegte das westliche römische Reich das östliche (Byzanz) und dort war im Christentum der Heilige Geist weiblich (St. Sophia) und es gab keine Vateranbetung. Seitdem ist die heilige Dreieinigkeit ausschließlich männlich in der Verachtung der Frauen (Vater, Sohn und Heiliger Geist).
@Creedinger: Hm, wusste noch gar nicht,
dass das Wort "Ausländer" inzwischen auch schon verboten ist. Wenn ich die deutsche Grenze passiert habe, bin ich auch Ausländerin. Die künstliche Überhöhung dieses formalen Tatbestandes ist doch Teil des Selbstbetrugs, bestimmten Gruppen von Menschen besondere positive oder negative Eigenschaften zuzuweisen bzw. ihnen Sonderrechte zuzugestehen oder Gleichbehandlung zu verweigern. Darauf zielt mein Kommentar - den sie ja wahrscheinlich nicht mehr gelesen haben, weil Sie über dem Eimer hingen - ab. Und auf die seltsame Tatsache, dass für bestimmte Kreise Ausländerinnen (können ausgebeutet werden, die wollen das ja so) dann wieder etwas ganz anders sind als Ausländer (müssen geschützt werden, sie wissen es ja nicht anders). Zu Ihrem Verständnis: Ich hatte in meinem Leben auch schon viele FreundInnen, die AusländerInnen waren. Aber reihern Sie ruhig weiter, dann schreiben Sie vielleicht nicht mehr so viele absurde Kommentare.
Gut!
Mach' dich locker @Creedinger und pfeife auf Deutschland. Hier geht es um Frauen, egal aus welchem Land sie kommen und egal in welchem Land sie leben.
@Creedinger
Ich verstehe Ihren Ärger nicht. Fragen Sie sich und Ihre grünen und ausländischen Freunde (oder warum reagieren Sie so wütend auf Happys Kommentar?) denn nie, warum Rassismus schlimmer sein soll als Sexismus? Beides ist zum Kotzen! Die Realität ist aber, dass Rassismus als viel, viel schlimmer angesehen wird als Sexismus. Happy hat mit ihrem Kommentar, meines Erachtens, absolut Recht. Ich habe nie verstanden, wie die Grünen ein derart frauenverachtendes Prostitutionsgesetz forcieren konnten und auch heute nicht davon abweichen wollen.
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