Alice Schwarzer: Begegnung mit Meret

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Wenig später begegneten wir uns zum ersten Mal. Ich war mit Meret in der legendären Coupole in Paris verabredet. Die Brasserie im Herzen von Montparnasse ist ein gewaltiger Raum, getrennt nur durch Säulen, in dem hunderte von Menschen Platz haben. Und immer, bis heute, ist die Coupole voll besetzt. Dennoch sah ich Meret beim Betreten des Lokals sofort. Sie ragte über alle hinweg. Nicht wg. Größe, sondern wg. Ausstrahlung. Ihr ­unerhört schöner und charaktervoller Kopf war unübersehbar.

Diese Schönheit hat ihr als junge Frau zweifellos genutzt – aber sie hat sie auch bedrückt, ja bedroht. Existenziell. Sicher, das junge schöne „Meretlein“, das mit 17 nach Paris geht, wird von den Surrealisten-Kollegen hofiert. Doch sie will nicht passive Muse sein, sondern aktive Künstlerin. Nach ein paar Jahren und ihrem ersten großen Triumph, der Pelztasse, fragt sie sich: „Bin ich etwa nur ein hübsches Mädchen, das auf der Surrealistenwelle mitschwimmt?“

Es ist das Jahr 1937. Die Nazis marschieren. Und Merets Vater, aus jüdischer Familie in Berlin, musste mit ihrer Mutter in deren Schweizer Heimat emigrieren. Dort darf er nicht mehr als Arzt ­arbeiten, sein Diplom wird nicht aner­kannt. Von nun an kann die Familie auch die junge Künstlerin nicht mehr unterstützen.

Meret stürzt in eine tiefe Schaffens­krise. Sie geht zurück in die Schweiz. 17 Jahre lang wird sie nicht künstlerisch arbeiten können und sich mit Kunstgewerbe über Wasser halten. Und immer wieder dieser Alptraum: Eine vereiste Schneelandschaft. Bis endlich, endlich eines Nachts ein Hase über die Schneedecke hoppelt ... Das ist das Zeichen. Meret wird wieder fruchtbar.

Meret war EMMA-Leserin. „Von der ersten Stunde an!“ Darauf war ich immer stolz. Und als wir im Juni 1981 das erste große Porträt über sie und ihre Arbeit veröffentlichen, sind darin viele Sätze von ihr zu lesen, die auch für EMMA richtig sind: „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen!“ Zum Beispiel. Oder: „Eine weibliche Kunst gibt es so wenig wie eine männliche. Jedes gute Kunstwerk ist männlich und weiblich.“

Gleichzeitig ist Meret, wie auch mir, immer bewusst, wie wahr es zwar ist, dass „Kreativität kein Geschlecht hat“. Doch dass Frauen gleichzeitig ein gemeinsames Schicksal haben in einer patriarchalen Welt – ein Schicksal, das zur Überwindung herausfordert.

Bei einem meiner Besuche in ihrem Pariser Atelier im Marais fragte ich Meret, ob ich nicht etwas von ihr kaufen könne. Sie ging in den Nebenraum und kam mit einer großen Mappe zurück, darin sechs Lithographien. Die begleiten seither mein Leben. Jüngst sah ich die Arbeit wieder: im Rahmen der Ausstellung, die jetzt nach Berlin kommt.

Termine
Meret Oppenheim – Retrospektive, Berlin, Martin-Gropius-Bau, bis 1.12. (Katalog bei Hatje Cantz). – Werke von Oppenheim, Schleswig, Jüdisches Museum, bis 22.9.

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